Samstag, 18. Mai 2013

Filmreview: EPIC - VERBORGENES KÖNIGREICH (Kritik)


Film: Epic - Verborgenes Königreich
Wer wieder einmal staunend im Kino sitzen, echte Abenteuerluft atmen und Wind in den Haaren spüren möchte – und dabei keinen Wert auf Originalität legt – dem steht mit Epic ein (fast) episches Abenteuer bevor. So lebendig, frei und abenteuerlustig hat man sich seit seinem letzten Sommerausflug nicht mehr gefühlt.

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Epic - Verborgenes Königreich
Chris Wedge (Ice Age), neben John Lasseter einer der bekanntesten US-amerikanischen Pioniere der Computeranimation sowie Erfinder und Stimme des kleinen Scrat, meldet sich nach acht Jahren der Kinoabstinenz mit einem Film epischen Ausmaßes zurück: Epic – Verborgenes Königreich. So plakativ der Filmtitel erscheint, so gekonnt trifft er den Nagel auf den Kopf. Der Film erzählt die älteste Geschichte der Welt, den unentwegten Kampf zwischen Gut und Böse, und schöpft dabei mit großer Kelle aus sämtlichen Bereichen des Fantasy und Kinderfilmgenres. An vorderster Zitatefront findet man Liebling, ich habe die Kinder geschrumpft, Ein Fall für die Borger, Arrietty (beides Adaptionen derselben Buchvorlage “Die Borger”) und Fern Gully – aber auch starke Einflüsse von Avatar oder Der Herr der Ringe sind unbestreitbar. Die Ursache dieser augenscheinlichen Ideenarmut liegt nicht bloß in der Natur des Kinos, sondern vor allem in der Vorlage von William Joyce “The Leaf Men and the Brave Good Bugs”. Anderen Filmen hätte diese Form von Patchworking den Hals gekostet, aber mit viel Feingefühl, Abenteuergeist und dem richtigen Riecher für humorvolle Kontrapunktion machte Chris Wedge aus dem Handicap einen ersten, kleinen Triumph des Animationsjahres 2013!

Die Welt aus der Perspektive des Mikrokosmos zu betrachten ist weder neu noch besonders einfallsreich. Aber den Fotorealismus, den Epic anstrebt ist im kindgerechten Animationsfilm bislang einzigartig. In einer solch glaubwürdigen Umwelt wird der Zuschauer selbst zum Insekt, das von Blatt zum Blatt springt. Von der ersten Minute an entfesselt der Film eine Dynamik, der man sich nicht mehr entziehen möchte, auch wenn mit der Ankunft von Tochter M.K. die Geschichte eine Fremdassoziationslawine lostritt. Aber bevor man sich über diese Einfallslosigkeit echauffieren kann, wird man wieder in die Miniaturwelt hineingezogen und lernt zwar stereotype, aber nicht minder liebenswürdige Nebenfiguren kennen, die von der stolzen Königin bis zur kalauernden Nacktschnecke gekonnt umgesetzt wurden.

Was dem Film fehlt ist eine gewisse psychologische Raffinesse. Er lässt die Chance, die Kluft zwischen Vater und Tochter auszureizen, ungenutzt. Tochter M.K. beginnt am Verstand ihres Vaters zu zweifeln, der seine Familie auf der Suche nach einer anderen Welt aufs Spiel setzte. Eine unglaubliche Welt, deren Existenz er auch nach all den Jahren nicht beweisen konnte. Hier hätte es dem Film ungemein gut getan, wenn er den Zuschauer länger im Ungewissen gelassen hätte. Nur für ein paar Minuten, damit wir uns in der Rolle von M.K. hätten wiederfinden können. Denn auch wenn wir wissen, worüber eine Geschichte handelt und wohin eine Reise führt, ist eine zu geradlinige Hinführung zum Offensichtlichen ebenso langweilig wie unbefriedigend. Ein Hinauszögern hätte dem Zuschauer die Möglichkeit gegeben, an insektengroßen Menschen zu zweifeln, um danach umso mehr an sie Glauben zu können. Ein generelles Problem des Films, denn so gut wie alle Beziehungen der Charaktere sind nur von oberflächlicher Natur, ohne einen spürbaren glaubwürdigen Kern. Und wenn wir bei Unglaubwürdigkeiten sind. Die Stimme von Christoph Waltz erdrückt den Bösewicht Mandrake förmlich. Wo eigentlich die Stimme von Waltz einer Kunstfigur Seele hätte einhauchen sollen, wird die Figur zum typischen Waltzstereotyp inklusive Akzent.

Aber das sind Mankos, über die es sich hinwegsehen lässt, sobald kurz darauf Epic wieder seine Naturgewalt entfacht. Wenn M.K. brausend in die Welt gezogen und ins Abenteuer verschleppt wird, ist man emotional mittendrin im Dickicht. Der Ruf des Abenteuers schallt aus der Leinwand heraus und wird durch den tricktechnischen Hyperrealismus noch verstärkt. Im Gegensatz zu anderen Filmen wie DreamWorks’ Antz oder Pixars Das große Krabbeln, wurden nicht alle Bildelemente einer stilisierten Kinderästhetik untergeordnet, sondern entspringt mit Ausnahme der Charaktere (und manchmal sogar diese) einem bewundernswerten Hyperrealismus. Ein Realismus, der der Geschichte im späteren Verlauf einen erfrischend düsteren Ton verleiht, der Hayao Miyazaki und Don Bluth zur Ehre gereicht. Chris Wedge unterschätzt sein junges Publikum nicht wie es 90% aller moderner Kinderfilme tun. Er will Geschichten erzählen und Geschichten brauchen Platz in alle Richtungen, auch in die Dunkelheit. Das bedeutet, dass sowohl geliebte Tiere als auch Hauptfiguren sterben können. Das fordert den kleinen und großen Zuschauer, aber beschränkt sich auf ein gesundes Maß, wie es die genannten Vorbilder bravourös taten.

Im Kontrast der Forderung der jungen Zuschauer steht die gelegentliche Unterforderung des erwachsenen Publikums. Zu konventionell ist die Struktur des Films, zu oberflächlich die persönlichen Konflikte der Charaktere. Aber diese Defizite machen die liebevollen Figuren, der sympathische Humor und die ansprechende 3D-Inszenierung mehr als wett. So verbraucht die Floskel auch klingen mag, Epic wurde für 3D gemacht. Nicht weil er den Umgang mit der Stereoskopie neu erfindet, sondern weil er seinem großen Vorbild Avatar konsequent nacheifert. Allein die Slowmotionszenen in 3D, die die unterschiedlichen Wahrnehmungsebenen zwischen Mensch und Insekt widerspiegeln, lassen einem aus dem Staunen nicht mehr herauskommen. Spätestens wenn der dreibeinige Mops als Gigant seinen Auftritt hat, hat man auch als mündiger Zuschauer jegliche Zweifel wieder vergessen.

Wer wieder einmal staunend im Kino sitzen, echte Abenteuerluft atmen und Wind in den Haaren spüren möchte – und dabei keinen Wert auf Originalität legt – dem steht mit Epic ein (fast) episches Abenteuer bevor. So lebendig, frei und abenteuerlustig hat man sich seit seinem letzten Sommerausflug nicht mehr gefühlt.

7.5/10 (geschrieben für ANIch)

Anekdote am Rande: Epic sollte ursprünglich in Zusammenarbeit mit Pixar entstehen. Chris Wedge wäre dafür seinem eigenen Studio abtrünnig geworden und hätte sich selbst an John Lasseter vermietet. Der Grund war, dass Fox kein Interesse an einer Leaf Men-Verfilmung hatte. Diese “Leihgabe” des wertvollsten Mitarbeiters war Fox aber dann doch zu heiß und gab grünes Licht für eine Inhouse-Umsetzung des Buches. Das anfängliche Zögern könnte darin begründet gewesen sein, dass eine andere Verfilmung von einem William Joyce Buch – Triff die Robinsons von Disney Animation – alles andere als erfolgreich an den Kinokassen abschnitt. Ironischerweise produzierte Joyce während dem ewigen Hin-und-Her um Epic einen eigenen, computeranimieten Kurzfilm, der 2012 auch prompt einen Oscar® gewann. ANIch-Lesern dürfte dieser Film kein Unbekannter sein: The Fantastic Flying Books of Mr. Morris Lessmore. Noch ironischer wird die ganze Sache, wenn man bedenkt, dass DreamWorks’ Hüter des Lichts ebenfalls auf einer Geschichte von Joyce beruht, dem wieder kein Erfolg beschert war. Fox dürfte in diesen Tagen somit weiche Knie haben, scheint doch ein Fluch auf den Kinoadaptionen von Joyce-Büchern zu liegen. Aus Zuschauersicht ist die Angst sicherlich unbegründet, im Gegensatz zu den konzeptionell unausgereiften Filmen Hüter des Lichts und Triff die Robinsons ist aus Epic – Verborgenes Königreich trotz mancher Schönheitsfehler ein rundes Kinoerlebnis geworden.

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