Mittwoch, 12. Dezember 2012

Kinoreview: DER HOBBIT - Eine unerwartete Reise


Kino: DER HOBBIT - Eine unerwartete Reise (The Hobbit - An Unexpected Journey)
Je nach persönlicher Erwartungshaltung und Vorkenntnissen ein erster vielversprechender Schritt für eine - zu lang geratene - aber adäquate Kinderbuchverfilmung. Das täuscht aber nicht darüber hinweg, dass der Film in fast allen Bereichen massiv über das Ziel hinaus schießt. Technisch, narrativ, strukturell. „Der kleine Hobbit“ wurde zu einem Moloch hochgezüchtet der inhaltlichen und kommerziellen Blockbustermaßstäben gerecht werden muss. 7.5/10

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> Meine ganze Kritik zum Film


DER HOBBIT - Eine unerwartete Reise
(The Hobbit - An Unexpected Journey)
Die Erwartungshaltung aller Film- und Buchfreunde im Bezug auf Peter Jacksons „Der Hobbit“ lässt sich im Grunde auf zwei einfache Fragen reduzieren. Ist der Film ein würdiger Herr der Ringe-Vertreter, im Geiste der ersten Trilogie und im Sinne der Film- und Buchfans dieser Welt? Und, in welcher technischen Filmfassung sollte man sich den Film ansehen? 2D, traditionell 3D oder 3D-HFR in 48 Bildern pro Sekunde?

Die Kurzform: Ja, der Film führt einem direkt nach Mittelerde zurück. Tränen dürfen verdrückt und all das Liebgewonnene, was man die letzten zehn Jahre vermisste, wieder in den Armen gehalten werden. Peter Jackson gelang ein nahtloser Anschluss an seine alte Trilogie. Mehr als man sich eigentlich wünschen konnte. Eigentlich... 
Und nein, 3D-HFR ist kein Muss (HFR steht dabei für High Frame Rate, sprich: Hohe Bildrate). Es ist eine Erfahrung, die subjektiv gesehen funktionieren kann, aber die viel Wohlwollen voraussetzt. Einige Szenen gewinnen durch den technischen Hyperrealismus, Mittelerde wird greifbarer mit all seinen Furchen und Kanten. Gleichzeitig reisst einem die Technik aber auch regelmäßig aus dem Film, weil der Grat zwischen einem Fenster in eine noch realistischere Welt und in eine HD-Soap Opera eng beieinander liegen und sich von Szene zu Szene verschieben. Das 3D ist zudem sehr subtil und bedacht eingesetzt worden. Gut für strapazierte Augen, doch ohne wirklichen Mehrwert.

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Die Langform: Die eine große Stärke von „Der Hobbit – Eine unerwartete Reise“ ist seine unverfälschte Art, wie er Mittelerde mit den ersten Bildern wieder lebendig werden lässt. Als Zuschauer fühlt man sich sofort wie zu Hause, als hätte man die Wiesen, Täler, Felsklüfte und Minen von Mittelerde nie verlassen. Zu verdanken ist das nicht zuletzt Peter Jacksons leicht schäbigem, ungeschliffenem Regiestil, der das Filmuniversum von Tolkien so sehr prägte. Dem Regisseur gelang aus der kleinen und im Ton noch ungelenken Hobbit-Vorlage, einen homogenen Teil des Filmuniversums zu machen. Erreicht wurde das durch geschickte Strukturierung. Der alte Bilbo und der junge Frodo, wie man sie aus „Der Herr der Ringe - Die Gefährten“ kennt, führen uns langsam in ihre Welt hinein und später lassen viele kleine Anspielungen die Verbindung mit dem großen Ringbruder nie vergessen. Hier geben sich die Ambitionen von Jackson zu erkennen. Nicht die Bezwingung von Smaug und die Heimkehr der heimatlosen Zwerge allein steht im Mittelpunkt seiner neuen Trilogie, sondern er will am Ende der langen Reise nahtlos an die erste Trilogie anknüpfen. Den Grundstein für das Epos legen, das wir vor zehn Jahren lieben gelernt haben.

Aus dem geradlinigen und simplen „Der kleine Hobbit“ sollte unter größten Anstrengungen ein Monumentalwerk werden. Ein Unterfangen mit Hindernissen. Denn das Kinderbuch ist kein „Der Herr der Ringe“. Also wurde kurzerhand die vollständige Struktur und der Aufbau aus dem ersten Film „Die Gefährten“ genommen und darauf die verschiedenen Storyelemente aus der Hobbit-Vorlage montiert. Das führte jedoch zu dem Problem, dass „Eine unerwartete Reise“ und „Die Gefährten“ sich wie ein Ork dem anderen ähneln. Der epische Prolog, die Exposition im Auenland, die Jagd durch die Wildnis, der Rat in Bruchtal, die Kämpfe in den Minen, der künstlich aufgebauschte Showdown inmitten von Bäumen und Orks. So sehr man sich darüber freut, wieder in Mittelerde angekommen zu sein, so sehr macht einem der Eindruck zu schaffen, „bloß“ eine digital aufpolierte Version des einen Films vor elf Jahren zu sehen. Mit ein Grund, warum „Der Hobbit“ mit Längen zu kämpfen hat. Frei von Überraschungen und komplexeren Plotelementen, wirkt die simple Wanderung der Gemeinschaft ab der Hälfte ermüdend, zumal die ständigen Assoziationen an die erste „Der Herr der Ringe“-Verfilmung an der Spannungskurve kratzt. Die unnötig aufgeblähten Actionszenen, die hinter jeder Ecke lauern, zerren zusätzlich an der am Anfang so wunderbar aufgebauten Immersion Mittelerdes.

Der Film ist also kein Herr der Ringe und doch sehr ähnlich. Man stelle sich die erste „Die Chroniken von Narnia“-Verfilmung vor und an die langen Gesichter der Kritiker, die nie die Buchvorlage in der Hand hielten, aber dennoch waschechte Epic Fantasy Kost erwarteten - stattdessen aber einen hundertprozentigen Kinderfilm bekamen. Ein böses Erwachen. Ähnlich verhält es sich mit „Der Hobbit“. Er ist im Kern eine Kindergeschichte, die nach aussen hin dem großen, erwachsenen Bruder angeglichen wurde. Alles wirkt spektakulär und wie feinstes High Fantasy, doch im Herzen bleibt der Hobbit eine kleine, naive Kinderbuchgeschichte, die zwar durch diverse Nebenhandlungen und abgetrennte Körperteile hochgezüchtet, aber nicht versteckt werden konnte. Was das betrifft ist, dieser erste Teil auf seine ambivalente Art sowohl eine gelungene als auch gescheiterte Buchverfilmung. Das größte Dilemma der Verfilmung offenbart sich in den letzten 20 Minuten, wo eine vergessenswerte Buchsequenz zu einem überlangen, melodramatischen Showdown aufgebläht wurde, der einem - zumindest mich -  mit einem ganz und gar unbefriedigenden Gefühl zurück lässt. An dieser Stelle wird dem Zuschauer unmissverständlich klar gemacht, dass die Entscheidung, drei Teile aus dem kleinen Kinderbuch zu machen, bestenfalls an zweiter Stelle von kreativer Natur war.

Das Ende von „Eine unerwartete Reise“ lässt aber noch was anderes erkennen. In Zeiten von „Game of Thrones“, einem James Bond mit Potenzproblemen und einem verkrüppelten Batman wirkt solch konservative High Fantasy Filme antiquiert und gekünstelt. Gut verpackt, in einer pompösen, dichten Inszenierung, einem unverschämt epischen Handlungsrahmen und gut gezeichneten Charakteren kann diese Form von Erzählung heute genau so wie früher funktionieren. Besonders in den Flashbacks wird man von der guten alten Fantasy umgarnt und umschmeichelt. Aber nicht am Ende. Dort, wo es vielleicht am wichtigsten wäre, verliert Jackson das Augenmaß und der Zuschauer bekommt billige Dramatik mit billigem Pathos in teurer Edeloptik serviert.

Am wohlsten fühlt man sich im Film – zumindest war das bei mir der Fall -, wenn die Gemeinschaft unter sich ist. Sei es beim ersten Zusammentreffen in Bilbos Haus oder während einer der vielen kleinen Zwischenszenen, die die Charaktere erst mit Leben erfüllen, ohne von Effekten oder Plot getriebener Hektik erschlagen zu werden. Dem gegenüber stehen gefühlt hunderte Actionszenen, die beliebig austauschbar sind und von einer wahren Gerölllawine an Effekten begleitet werden.

Was uns zur zweiten Frage bringt. Die Technik. Die doppelte Bildrate macht die Welt von Mittelerde greifbarer. Man möchte fast sagen, lebendiger als der stereoskopische 3D-Effekt die Welt in James Camerons „Avatar“ prägte. Aber das von den Machern gepriesene Fenster in ein noch realistischeres Kinoerlebnis ist ein zweischneidiges Schwert. Szenen, die in einem warmen, lebendigen Licht (mit künstlichem Warmweiß-Licht beleuchtete Szenen) erzeugen eine regelrechten Sog in den Film. Die Gesichter werden lebendiger, Oberflächen greifbarer, Stimmungen fühlbarer. Dem gegenüber stehen aber Szenen, die mit Tageslicht ähnlichen Scheinwerfern (oder unter freiem Himmel) gedreht wurden, die unschöne Fremdassoziationen heraufbeschwören und einem aus der Filmwelt reissen.

Der größte Feind der neuen HFR-Technik sind überforderte Statisten, deren amateurhafte Mimik man selbst in den hintersten Reihen beobachten kann, Kostüme oder Kulissen, die unecht wirken, weil sie verständlicherweise unecht sind oder Filmeffekte, die durch ihren neuen Hyperrealismus die echten Schauspieler wie Fremdkörper erscheinen lassen. Generell merkt man den visuellen Effekten an, dass sie unter größten, aber knapp bemessenen Anstrengungen umgesetzt wurden. Die Qualität reicht von bahnbrechender Lebendigkeit in absolutem Gleichklang mit dem Look des Films
(Prolog, Gollum, Goblinkönig) bis zu grotesker Cinematic-Ästhetik eines mittelprächtigen Fantasyspiels (Warge, Trolle, Adler). Letzteres macht der Filmillusion beinahe mehr zu schaffen als die neue HFR-Projektionstechnik.
An dieser Stelle wäre eine Mischform wünschenswert, die zwischen Szenen mit 24 und 48 Bildern pro Sekunde unterscheidet und auf diese Weise ähnlich wie der Ton, die Kolorierung oder die Bildkadrierung zum unmittelbaren Werkzeug für Filmschaffende wird. Wie 3D-Szenen in ihrer Benutzung der negativen und positiven Parallaxe variieren und damit die Tiefe des Bildes bestimmen, so wäre es denkbar, in Zukunft Filme zu sehen, die den Naturalismus des Bildes mit der Framerate gezielt steuern. Das Kinoerlebnis wird von der subjektiven Empfindung der HFR-Technik entscheidend geprägt. Soviel steht fest. Wer auf Nummer sicher gehen möchte, sollte für die erste Sichtung eine 2D- oder klassische 3D ohne HFR-Firlefanz-Vorstellung ins Auge fassen.

Es ist lobenswert, dass sich Peter Jackson beim 3D-Effekt zurückhält und weniger auf Jahrmarktsattraktion als Tiefenwirkung setzte. Doch im Gegensatz zur Bildrate, schafft es das Auge des Zuschauers über weite Strecken die zusätzlichen Tiefeninformationen zu ignorieren, von auf paar einzelnen ins Bild fliegenden Orks und Holzsplitter abgesehen. Somit verhält es sich beim Hobbit wie mit den meisten 3D-Filmen. Nett, aber ohne wirkliche Relevanz.

„Der Hobbit – Eine unerwartete Reise“ ist je nach persönlicher Erwartungshaltung und Vorkenntnissen ein erster vielversprechender Schritt für eine - zu lang geratene - aber adäquate Buchverfilmung. Das täuscht aber nicht darüber hinweg, dass der Film in fast allen Bereichen massiv über das Ziel hinaus schießt. Technisch, narrativ, strukturell. „Der kleine Hobbit“ wurde zu einem Moloch hochgezüchtet der inhaltlichen und kommerziellen Blockbustermaßstäben gerecht werden muss. Es war ein Geschenk, dass Peter Jackson seine „Der Herr der Ringe“-Verfilmung entgegen erster Planungen als Trilogie anlegen durfte. Nun kommt jedoch die Quittung in Form eines überlangen, überfrachteten Epos, das gestrafft über soviel mehr Potential verfügen würde.
7.5/10

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