Samstag, 27. Oktober 2012

Kinoreview - DER WOLKENATLAS (Kritik)


Kino: Der Wolkenatlas (Cloud Atlas)
Esoterische Selbstfindung trifft auf dystopische Gesellschaftskritik. The Fountain auf Blade Runner. Miloš Forman auf David Fincher auf Mike Nichols. Historiendrama, Thriller, Komödie, Gay-Movie, Film Noir, Science Fiction, Endzeitfilm. Ein einzigartiger Film, ein einzigartiges Ereignis, eine einzigartige Erfahrung. aber kein Film, der die Welt im Sturm erobern wird.  8/10

> T r a i l e r
> Meine ganze Kritik zum Film


Der Wolkenatlas
(Cloud Atlas)
Cloud Atlas dürfte das aussergewöhnlichste Filmereignis 2012 sein, zumindest aus der Rubrik "Big Budget Hollywood" - auch wenn Cloud Atlas weder ein für heutige Verhältnisse üppiges Budget besitzt (knapp 100 Millionen Dollar) noch als echter Hollywoodfilm eingestuft werden kann. Das Projekt war zu aussergewöhnlich und ambitioniert, als dass sich Hollywood daran die Finger verbrennen wollte, weswegen der Film größtenteils in Deutschland mit internationalen Geldgebern realisiert wurde. Cloud Atlas sprengte alle Marktforschungs- und Zielgruppenanalysen und passte in kein Marketingschablone. Das erklärt auch die Einführung der drei Regisseure als der erste fünfminütige Trailer erschien. Die Filmemacher wissen, dass sie etwas besonderes geschaffen haben, aber nicht, wie sie es in dieser Form an den Mann und die Frau bringen sollen.

Esoterische Selbstfindung trifft auf dystopische Gesellschaftskritik. The Fountain auf Blade Runner. Miloš Forman auf David Fincher auf Mike Nichols. Historiendrama, Thriller, Komödie, Gay-Movie, Film Noir, Science Fiction, Endzeitfilm. Jeder Handlungsstrang hat sein eigenes Thema, seinen eigenen Look, bedient seine eigenen Genres. Das hilft bei der Orientierung aber fordert die Konzentration des Zuschauers. Eine Rahmenhandlung existiert nicht, ein roter Faden bildet sich erst nach und nach im Kopf des Zuschauers. Am Ende bleibt das Gefühl, etwas besonderem beigewohnt zu haben, aber auch eine gewisse unerfüllte Leere.
 
Das Gewicht der eigenen Ambitionen resultierend aus der Komplexität der Buchvorlage machen dem Film zu schaffen. Der Zuschauer wird mit einer dreistündigen Odyssee durch Zeit, Raum und Bewusstsein gelotst, aufgelöst in verschiedene Zeitebenen und Charakterkonstellationen. Die Menge an Hauptfiguren, die häufigen Sprünge zwischen den verschiedenen Subplots, das Fehlen eines herkömmlichen Handlungsstrangs macht den Film weniger zu einem filmischen, zusammenhängenden Einheit als zu einer Berg- und Talfahrt der Emotionen. Szenen und Sequenzen entfalten einen berauschenden Empathiesog, aber mit jedem Handlungssprung verliert der Film an Kohärenz.
Die Entscheidung, namhafte Schauspieler wie Tom Hanks, Halle Berry oder Hugo Weaving in multiplen Rollen zu besetzen, stellt den Pfeiler dar, auf dem die Brücken zwischen den verschiedenen Handlungssträngen und Epochen gebaut wurden und dient den Filmemachern als Richtungsmarkierungen ihrer eigener Interpretation. Die Schauspieler schlüpfen nicht bloß in mehrere Rollen, sie wechseln mit ihren Kostümen und Masken auch ihr Geschlecht und Rasse. Das setzt beim Zuschauer den Willen voraus, sich darauf einzulassen, sich nicht vom ersten, vielleicht unfreiwillig komischen Eindruck ablenken zu lassen, sondern die Filmcharaktere und nicht den Schauspieler dahinter zu sehen. Denn die Figuren sind der Schlüssel, um die Handlungselemente zu verflechten und die eigene Prämisse zu formen.
Das klingt nach harter Kritik, tatsächlich ist es jedoch die Limitierung des Mediums Film und die des Zuschauers, was den Film in seinen Absichten hemmt. Die Filmemacher leisteten fast Unvorstellbares David Mitchells "unverfilmbaren" Roman in einen Film zu verwandeln. Doch trotz aller Hemmschwellen ist Cloud Atlas ein Film, den man gesehen haben muss, nicht zuletzt um dem Mut der Filmemacher und aller Beteiligten Tribut zu zollen. Wem The Tree of Life zu unkonkret, Matrix zu futuristisch, The Fountain zu esoterisch und Blade Runner zu langwierig war, der dürfte mit dem Wolkenatlas eine interessante Alternative finden. Das ist der Stoff, aus dem Filmdiskussionen gemacht sind.
8/10

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