Mittwoch, 26. September 2012

Die Presse vs. Der Schweiger: Neuestes Kapitel



Til Schweiger steht wieder im Fadenkreuz der Presse. Erneut verbietet sich der Filmemacher die Sichtung seines aktuellen Kinofilms durch die Presse, was die fünfte Presseblockade in Folge darstellt, nachdem Herr Schweiger mit Keinohrhasen diese "Tradition" ins Leben rief. Der Verband der deutschen Filmkritik reagierte in seiner Stellungnahme entsprechend entrüstet, aber nicht überrascht und fordert ein Ende solch selektiver Pressearbeit und Zensurbemühungen. 

Die Entrüstung bei einigen, mir bekannten Journalisten war und ist ebenfalls entsprechend groß, wenn auch meiner bescheidenen Ansicht nach nicht selten gekünstelt. Der Groll gegenüber Schweigers Person und nicht seinem Wiederholungsdelikt scheint bei einigen die eigentliche Motivation zu sein. Frédéric Jaeger von Critic.de hat einen erfreulich nüchternen, aber nicht minder anklagenden Text über die herrschende Problematik verfasst mit dem Fokus darauf, dass ausgerechnet ein mit 3 Millionen Euro geförderter Kinofilm die Pressefreiheit untergräbt. Ich kann den Text nur empfehlen und befürworte Frederics Worte größtenteils. Aber so wahr die darin aufgezeigte Problematik, so einseitig ist der Text auch argumentiert. Beinahe könnte man den Eindruck bekommen, Filme sollten ausschließlich für die Presse gemacht werden.

Die Forderung des VDFK und zahlreicher Journalisten ist vollkommen legitim und richtig in ihrem Begehren nach ungehinderter Pressearbeit. Als Mitglied des Verbands kann ich dies nur unterstützen. Was mich aber nicht daran hindern soll, trotzdem auch die Rolle der Presse in diesem

speziellen Fall zu hinterfragen. Als Digital Artist einerseits und Filmredakteur andererseits befand ich mich auf beiden Seiten des Kaninchenbaus. Ich arbeitete an visuellen Effekten von deutschen Kinofilmen, bin jedoch auch beruflich als Online- und Videoredakteur tätig und stehe damit größtenteils im Soll der Presse. Beides zusammen ermöglicht mir vielleicht eine Sicht, die weniger Stur ins ewig gleiche Horn bläst wie es die Presse als auch Schweiger nun seit fünf Jahren tun.

Zunächst zu Til Schweiger, der keinen Hehl aus seiner Abneigung gegenüber gewissen Pressevertretern macht. „Richtig auf den Sack“ würden sie ihm gehen, so sein genauer Wortlaut. Somit entschied er vor einigen Jahren, seine Filme vor Kinostart nicht mehr der Presse zu zeigen. Gleichzeitig erwartete er, dass die ihm so verhassten Journalisten trotz der erlittenen Demütigung weiterhin brav sein PR-Material schluckten. Nehmen, aber nicht geben. Austeilen, aber nicht einstecken. Das passt zum Bild eines Schweigers welches er in Journalistenkreisen besitzt und wirft kein sonderlich professionelles Licht auf den Schauspieler. Nichtsdestotrotz verfügt er über eine beachtliche Fangemeinde und wird als einer der wenigen echten Filmstars Deutschlands wahrgenommen. Denn eines steht ausser Frage,
 er stellt eines der wenigen großen Zugpferde des deutschen Kinos dar. 

Wir alle wissen, dass Deutschland zwar jährlich viele bemerkenswerte Filme hervorbringt, aber die meisten an den Kinokassen kläglich untergehen. Schweigers Filme zählen nicht dazu. Sie sind selten bemerkenswert, erwirtschaften aber Rekordeinnahmen. Seine Filme kosten zwar Millionen, die zu einem beträchtlichen Teil über Förderungen finanziert werden (man siehe dazu ebenfalls Frédéric Jaegers Text, der aufgezeigt, wie sich die Förderung von Schutzengel genau aufgliedert). Nicht selten wird im Kontext mit Schweigers Fördermillionen polemisch von "Abzocke" oder "Geldverbrennung" geredet, was dabei in den meisten Fällen auf die Qualität seiner Filme zielt. Bei aller Abneigung muss ihm jedoch etwas zugestanden werden. Im Gegensatz zu anderen deutschen Filmemachern versteht es Schweiger, Gewinne zu erzielen. Damit verbunden fördert er die Kinolandschaft Deutschland wie kaum ein anderer. Vielleicht nicht qualitativ, das liegt im Auge des Betrachters, aber er schafft mit seinen Filmen Jobs. Viele Jobs. Seine Filme sind ein Pfeiler der deutschen Kinoindustrie, so traurig das auch klingen mag. Es ist nahezu unmöglich in der deutschen Filmbranche zu arbeiten ohne selbst früher oder später mit seinen Projekten in Berührung zu kommen. Ganz abgesehen davon, Leute zu kennen, die nicht bereits an Schweigers Produktionen mitgewirkt hatten.

Was will ich damit sagen? Dass nur gewinnbringende, konjunkturfördernde Big-Budget-Filme unterstützt oder gar gefördert werden sollten? Gott behüte. Es geht darum, aufzuzeigen, dass Filmemacher andere Prioritäten kennen. Sie tragen Verantwortung gegenüber sich, der Crew, dem Publikum, der Industrie, der Presse…. Pressevorführungen sind dabei ein kleiner Punkt im endlosen Glied einer Filmproduktion. Und eine Förderung von Filmen daran festzumachen, ob und wie eine Pressevorführungen durchgeführt wird, steht in keinem Verhältnis dazu. Es handelt sich hier schließlich um keine Pressezensurepidemie, sondern um ein kleines, wiederkehrendes Übel namens Til Schweiger, der uns alle Jahre wieder heimsucht und es vermutlich genießt, wie die Journalisten ihn jedes Mal aufs Neue wie zornige Kinder mit Dartpfeilen bewerfen. 

Worauf gründet eigentlich Schweigers Entscheidung, der Presse seine Filme vorzuenthalten? Die Antwort mag simpel erscheinen: Emotionen. Ein gekränkter Stolz gepaart mit aufgestauter Wut hatten bereits andere Regisseure zu ähnlichen Aktionen bewogen. Stichwort Uwe Boll. Eine sachliche Diskussion ist mit Herrn Boll schon lange nicht mehr möglich. Der Regisseur kann nicht mehr zwischen einer sachlichen Auseinandersetzung mit seinen Filmen, Kritik und Angriffen unterscheiden. Für ihn – als gebranntes Kind, das sich seit Jahren missverstanden fühlt – wirkt mittlerweile alles wie ein persönlicher Angriff, was jede vernünftige Diskussion im Keim erstickt. Scheinbar musste auch ein Schweiger einmal zu oft Kritik über sich und sein Schaffen ergehen lassen (Mitleidsbekundungen bitte direkt Schweiger und seiner Produktionsfirma Barefoot Films zukommen lassen).

Pech könnte man sagen. „Besseren“ Filme würden vielleicht auch „bessere“ Kritiken generieren. Eine einfache Rechnung. Nur was, wenn in Schweigers unprofessionellem Verhalten auch ein Funke Wahrheit steckt? Möchte man sich einer Presse preisgeben, die sich bereits vor Filmaufführung eine Meinung über das eigene Werk gebildet hat? Die den Film vielleicht nicht einmal komplett sichtet, bevor sie den Verriss in die Welt posaunt? 
In den vergangenen Jahren habe ich einige bemerkenswerte Beobachtungen machen dürfen. Filmjournalisten, die nach einer halben Stunde die Pressevorführung verlassen und erst im letzten Akt wieder mit einem Kaffee in der Hand auftauchen. Oder Filmjournalisten, die an Pressvorführungen, bevor das Licht anging, bereits einen mehrseitigen Verrissentwurf vorzeigen konnten und diesen stolz präsentierten. Filmjournalisten, die sich an der Berlinale lauthals und kollektiv echauffierten, weil dem zahlenden Publikum aufgrund von Platzmangel den Vorzug gegeben wurde. Solche, nenne wir sie "Vorkommnisse", mögen die Ausnahmen der Zunft darstellen. Aber mit Sicherheit keine seltenen Ausnahmen.

Ich vermute, nur wenige Filmjournalisten sind gewillt, über den eigenen Schatten zu springen sobald dieser einmal geworfen wurde. Und Til Schweiger stellt ein sehr großer Schatten dar. Hand aufs Herz, den Aufwand, den ein Schweiger aufbringen müsste, um eine wohlwollende Rezension von einem seiner sonst üblichen Kritiker zu bekommen steht in keiner Relation. Die Presse kann ein nachtragendes, vorurteilsbelastetes und hochmütiges Volk sein - und hier nehme ich mir nicht heraus, besser zu sein. Es liegt in der Natur des Cineasten, mit steigender Filmerfahrung ein gewisses, elitäres Verhalten an den Tag zu legen. Zudem geht scharf formulierte Polemik bekanntlich leichter von der Feder als von Herzen kommende Loblieder. Davon abgesehen, dass sich ersteres bedeutend besser verkaufen lässt.

Kurz gesagt, es geht um Objektivität. Vollkommene Objektivität gibt es nicht, aber wenn der Filmjournalismus ein Berufsrisiko kennt, dann jenes, beim Versuch Objektivität zu bewahren Kopf und Kragen zu riskieren. Objektivität und Unvoreingenommenheit sind ein kostbares Gut im Filmjournalismus und umso dankbarer wird es von der Filmbranche angenommen. Vielleicht, nur vielleicht, würde dann auch ein Til Schweiger von seinem törichten Verhalten ablassen. Sein Blutdruck dürfte auf jeden Fall darüber dankbar sein, wie diese neuste Meldung vermuten lässt.

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