Donnerstag, 12. Januar 2012

Kinoreview - ANNE LIEBT PHILIPP (Kritik)


Kino: Anne liebt Philipp (Jørgen + Anne = sant)
Ein bezaubernder Kinderfilm irgendwo zwischen französischer Leichtigkeit, norwegischer Schwermut und einer großen Portion betörender Schauspielführung. Und viel Fantasie! 8/10
> T r a i l e r
> Meine ganze Kritik zum Film


Anne liebt Philipp
“Warum müssen Mädchen stets Prinzessinnen sein, Jungs dagegen dürfen immer Wikinger spielen?” fragt sich die zehnjährige Anne am Anfang des Films, während eine Schar von Kindern als Wikinger verkleidet in brachialster Schnitt- und Kameraästhetik durchs Bild marschiert. Alles wirkt, als hätte Ridley Scott einen archaisches Monumentalepos zur Zeit der Wikinger gedreht, garniert mit einem Score, der dem in Nichts nach steht. Am Ende dieser Sequenz sieht der Zuschauer eine kleine Anne, wie sie als einziges Mädchen im Wikingerkostüm von den anderen “Wikingern” ausgelacht wird.
Jørgen + Anne = Sant – so der norwegische Originaltitel von Anne liebt Phiipp – nimmt sich die Freiheit und wirft alle Genres in einen Topf wie diese Eröffnung sehr gut beweist. Im Kern ist der Film eine einfache Coming-of-Age Geschichte, die sich der Liebe zwischen Zehnjährigen widmet. Das macht er mit einer solchen Unaufdringlichkeit und auch einem Verständnis für seine Charaktere, dass der Zuschauer sehr schnell vergisst, dass er das Liebesspiel von Kinder beobachtet. Die Regisseurin Anne Sewitsky macht sich nie über ihre Figuren lustig. Nicht “ob”, sondern “wie” Zehnjährige Liebe empfinden wird hinterfragt und das auf eine Weise, die einem dahinschmelzen lässt.

Es geht um die erste große Liebe, die das Innerstes – wie Anne so schön ausdrückte – zum Zucken bringt. Im Laufe des Films konfrontiert die Geschichte den Zuschauer mit einigen Kindheitsfantastereien, Spukgeschichten und Flashbacks, die allesamt andere Filmgenres auf genüssliche Art und Weise zitieren. Besonders lässt sich der Einfluss von Jean-Pierre Jeunet erkennen. Der ganze Charakter von Anne und auch wie sie dem Zuschauer ihre Welt beschreibt, erinnert häufig an den Franzosen, sei es sein Kurzfilm Foutaises oder auch Die fabelhafte Welt der Amélie.

Anne erklärt einfach und unverblümt, was sie mag, was sie nicht mag und wenn sie sich schließlich in ihren Tagträumen verliert, ist der Brückenschlag zu Amélie Poulain komplett. Ein bezaubernder Film irgendwo zwischen französischer Leichtigkeit, norwegischer Schwermut und einer großen Portion betörender Schauspielführung. Wie die Regisseurin ihren kleinen Darstellern Glaubwürdigkeit entlockt, verdient eine eigene Preiskategorie. Wer es schafft, sich auf die Gefühlsebene einer Zehnjährigen einzulassen, fand mit "Anne liebt Philipp" seine erste uneingeschränkte Empfehlung der Berlinale 2011. (Originalkritik für Moviepilot.de)

8/10

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