Freitag, 11. November 2011

Kinoreview - ANONYMOUS (Kritik)


Kino: Anonymous (Kritik)
Eine brauchbare, elisabethanische Instanttragödie, neben der "Tudors" zwar wie ein dramatisches Meisterstück wirkt, wohingegen Emmerichs hölzernes Puppentheater unfreiwillig theatralische Momente bietet. Aber nach Filmen wie "10.000 B.C" und "2012" nimmt man solche Mängel mit Handkuss in Kauf. 7/10
> T r a i l e r
> Meine ganze Kritik zum Film


Anonymous
Verkehrte Welt. Zehn Jahre lang kämpfte Weltuntergangsspezialist Roland Emmerich darum, sein Herzensprojekt umsetzen zu dürfen. Ein Verschwörungsdrama rund um den berühmten englischen Dramatiker William Shakespeare in opulenter Historienfilmpracht schwebte ihm vor, das keine 50 Millionen kosten und das ihn von einer anderen Seite zeigen sollte. Peanuts im Vergleich zu seinen früheren Zerstörungsorgien wie "Independence Day" oder "The Day After Tomorrow". Aber so paradox es auch klingen mag, das Projekt scheiterte stets an der Finanzierung. Die 200 Millionen Dollar für seinen letzten Film "2012" sammelte er innerhalb weniger Wochen, denn Hollywood liebt vergoldetes Schubladendenken. Emmerich und Blockbusterkino, diese Kombination bringt sämtliche Dollarzeichen Hollywoods zum Leuchten. Aber für ein kleines Drama wie "Anonymous" es werden sollte, waren den potentiellen Investoren selbst 30 Millionen zuviel. Erst als sich Emmerich in seiner deutschen Heimat umsah und in der hiesigen Förderanstalten und dem Studio Babelsberg Verbündete fand, sollte sein Shakespearetraum in Erfüllung gehen.

Und der Regisseur sollte sein Wort halten, aus "Anonymus" wurde tatsächlich ein Film, den man auf diese Weise nicht vom "schwäbischen Spielbergle" erwartet hätte. Der Film glänzt nicht nur durch ein völliges Defizit des Emmerich-typischen Hollywoodbombasts, er fordert mit seiner verschachtelten Plotstruktur auch die Konzentration des Zuschauers. Die Zahl der Hauptfiguren bleibt überschaubar, aber durch die multiplen Zeitebenen zwischen den die Handlung umher springt, werden die zentralen Figuren vervielfacht, die in scheinbarem chronologischen Chaos zu stecken scheinen und die der Zuschauer zunächst anhand der subtilen Charakteristika zuordnen muss - auf erklärende Texttafeln wurde konsequent verzichtet. Sollten Shakespearianer darauf hoffen, neue Fakten in schön bebilderte Form zu erfahren, so werden diese enttäuscht. Stattdessen werden Hypothesen und wildeste Gerüchte gepflanzt, die auf wahren Indizien und Vermutungen beruhen, aber deren Wahrheitsgehalt mehr als nur bezweifelt werden darf. Nichtsdestotrotz spinnt der Regisseur ein einnehmendes Netz aus Intrigen, falscher Moral, Politik und Poesie. Was nicht zuletzt auch dem Drehbuchautoren John Orloff gedankt werden muss, der es verstand, dem Genre des elisabethanischen Historienfilms gerecht zu werden, ohne aber zu sehr ins Triviale abgleiten zu lassen. Dass "Anonymous" dennoch an einigen Stellen massiv schwächelt, verschuldete die Unerfahrenheit von Roland Emmerich. Nicht als Herr der linearen Filmelemente, sondern als Führer von organischer Schauspielkunst, fern ab der üblichen Blockbusterschemata. Diesmal wurde mehr von ihm abverlangt als den Darstellern die Richtung von herannahenden Wassermassen zu veranschaulichen oder Oneliner richtig zu takten. Die Leistungen von Rhys Ifans, Vanessa Redgrave, David Thewlis und Kompanie sind bemerkenswert, gleichzeitig aber auch bemerkenswert unpräzise. An manchen stellen unfreiwillig theatralisch, an anderen zu gespielt, nur selten wahrhaftig. Als Zuschauer bleibt man der Geschichte dennoch treu, aber anstelle von feingeschliffener Dramatik wird einem grobe Handwerkskunst gereicht. Auf eine Art, die aber erkennen lässt, dass Emmerich nicht nur ein Mann fürs grobe Blockbusterkino wäre. Die verhältnismäßig zurückhaltend eingesetzten Effekte, die komplett in Deutschland entstanden, ordnen sich dem dramatischen Kern des Films unter, aber Emmerich kam nicht umhin an einigen Stellen etwas dicker aufzutragen, als es einem Film dieses Genres zustehen würde.

Letztendlich wurde aus "Anonymous" eine brauchbare, elisabethanische Instanttragödie. Zwar wirkt der Film teilweise wie ein hölzernes Puppentheater, das zudem unfreiwillig theatralische Momente bietet. Aber nach Filmen wie "10.000 B.C" und "2012" nimmt man als leidgeprüfter Zuschauer die Mängel mit Handkuss in Kauf. Bleibt nur zu hoffen, dass Emmerich die wohlwollende Presse zu Herzen nimmt und fortan das Schreiben seiner Drehbücher wieder erfahrenen Autoren überlässt. (Originalkritik für KultHit.de)

7/10

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