Samstag, 24. September 2011

Kurzfilmreview - KLEINES PÜPPCHEN, TEDDYBÄR (Kritik)


Kleine Filme ganz groß, unter diesem Motto hatte ich das Vergnügen, den Kurzfilm "Kleines Püppchen, Teddybär" von der Regisseurin Manuela Schuster vorab sichten zu dürfen - an dieser Stelle nochmals herzlichen Dank an Hauptdarsteller Nikolai Will und die Filmemacherin. Wie es in der Natur eines cineastischen Schreiberlings liegt, kommen auch kleine Filme nicht darum herum, analysiert zu werden.

Wobei "Kleines Püppchen, Teddybär" sich nicht zu genieren braucht. Der kleine Film begeht zwar kein Neuland im Umgang mit dem heiklen Thema der Pädophilie, aber setzt interessante Akzente. Der innere Kampf des Protagonisten Johannes im Umgang mit seiner Nichte ist dabei besonders bemerkenswert. Eine unscheinbare Telefonatszene wird dadurch zum Mittelpunkt und Highlight des Films. Zum ersten Mal gewinnt der Zwang in Johannes die Oberhand und wird zur aktiven Kraft. Dank dieser Szene bleibt der Charakter beim Zuschauer, man fühlt mit und nicht gegen ihn. Auch umschifft der Film damit gekonnt das stets gefürchtete "Der Pädophile, das Monster"-Klischee. Die Szenen auf dem Spielplatz und Julias Geburtstag bilden die konsequente Zuspitzung von Johannes innerem Kampf. Bis zum Geburtstag hängt man als Zuschauer dem Film förmlich an den Lippen.

Aber wo Licht ist, fällt auch Schatten: Mit einer einzigen Holzhammer-Rückblende zerfällt das filigran gestrickte Netz. Diese Szene - so interessant sie auch umgesetzt sein mag - wirkt wie ein Fremdkörper, weil es die einzige im Film ist, die nicht aus der direkten Wahrnehmung von Johannes entspringt. Zudem erklärt sie zuviel, die zerstört den Mythos um seine eigene Person. Vermutlich wurde das Ziel verfolgt, ihn menschlicher und glaubwürdiger darzustellen, aber stattdessen wird der Charakter dadurch in die befürchtete Klischeeecke gedrängt und zum Psychopathen mit kaputter Vergangenheit degradiert. Das Ende lässt Raum für Interpretationen. Es erscheint, als ob Johannes in der Lage wäre, mit seiner Vergangenheit abzuschließen. Ob nun zum Guten oder zum Schlechten bleibt ungewiss. Was jedoch sauer aufstößt, ist der abschließende Kommentar. Der Film behielt stets die Balance Pädophile als Krankheit und als Unverzeihlichkeit darzustellen. Doch mit der finalen Texteinblendung kommentiert der Film direkt und nimmt Stellung. Die von vielen so verhasste Moralkeule treibt wieder ihr Unwesen. Warum lässt man den (scheinbar dummen) Zuschauer nicht allein mit seinen Gedanken? Der ganze Film spricht eine klare, unmissverständliche Sprache, warum diese also dem Zuschauer noch einprügeln wollen?

Schauspielerisch ist der gesamte Film eine One-Man-Show, die selbst über das hölzerne Spiel einiger Nebendarsteller hinweghilft. Nikolai Wills Darstellung ist mutig, wenn auch teilweise etwas stereotyp, was aber in der Rolle selbst begründet liegt. Der Schauspieler meistert die Gratwanderung zwischen monströsem Triebtäter und in sich gefangenem Opfer souverän, dank ihm wird Johannes lebendig und der Film fühlbar. "Kleines Püppchen, Teddybär" wird durch ihn nochmals aufgewertet - aber bliebe auch sonst, trotz einiger Schwächen, als bemerkenswerter Film in Erinnerung, der zum Nachdenken anregt.

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