Donnerstag, 22. September 2011

Kinoreview - HELL (Kritik)


Kino: Hell
Endlich wieder ein deutscher Genrefilm im Kino: Sehr auf seine Vorbilder bedacht, mit souveräner Besetzung und einer cleveren Inszenierung. Die Raffinesse, die "Hell"mit dem Titel beweist, löst er zwar nicht ein, aber ein solider Endzeitthriller mit starkem Survivalhorror-Einschlag ist garantiert. 7/10
> T r a i l e r
> Meine ganze Kritik zum Film


Hell
In kaum einem anderen europäischen Land steht der eigene Film so sehr in Verruf wie in Deutschland - trotz bessernder Tendenzen und trotz seiner exzellenter Reputation im Ausland. Filmemacher wie Til Schweiger oder diverse, sich auf die Leinwand verirrten Comedians polarisieren und zwingen der hiesigen Filmlandschaft einen weniger charmanten Ruf auf, der nicht selten zu einem allgemeingültigen Vorurteil verkommt. Da scheinen Genrefilme wie „Hell“ nur Tropfen auf den heißen Stein zu sein. Doch wie letztes Jahr der deutsche Zombiethriller „Rammbock“ bewies, werden selbst kleine Kinovorstöße von Festivalfilmen mit Handkuss honoriert und vermögen zumindest in kleinen Maßen das vorurteilsbelastete Bild des deutschen Films zurecht zu rücken.

Dass es der Zuschauer bei „Hell“ mit keiner geradlinigen Genrekost zu tun bekommt, wird bereits anhand des Filmtitels ersichtlich. Der Titel bezieht sich zum einen auf die künstlich stark überbelichtete Bildsprache, die die sonnenbestrahlte, lebensfeindliche Endzeitstimmung vermitteln soll. Auf diese Weise wird die apokalyptische Welt zur wahrhaftigen, Licht und Hitze durchfluteten Hölle. Spätestens gegen Ende wird auch der übertragene, psychologische Aspekt der Hölle unmissverständlich. „Hell“ kann als eine exakte Symbiose aus den beiden Endzeitthrillern „Carriers“ und „The Road“ bezeichnet werden, was darauf hindeutet, dass Regisseur und Kinodebütant Tim Fehlbaum seine Hausaufgaben gemacht hatte und dazu sein Werk mit typisch-deutschen Lokalkolorit kombinierte. Dieses ist Schauspielern wie Angela Winkler und Stipe Erceg zu verdanken, aber auch Hannah Herzsprung bleibt in Erinnerung. Insbesondere, weil ihre Figur als einzige eine echte Entwicklung vollzieht, während alle anderen in ihren zu kurz angebundenen Rollen feststecken. Fehlbaums Interpretation einer germanischen Apokalypse braucht einige Zeit, um in die Gänge zu kommen. Den Charakteren fehlt es anfangs an Motivation und vegetieren nur vor sich hin, anstatt dass sie erzählerisch in eine erkennbare Richtung geführt werden, weshalb man als Zuschauer bis auf die oberflächlichen Aspekte der stimmigen Inszenierung und der erdrückenden Atmosphäre relativ orientierungslos bleibt. In seiner zweiten Hälfte entreißt sich „Hell“ jedoch seines stilistischen Selbstzwecks und serviert echte, kompromisslose und blutige Genrekost. Die Figuren bleiben innerhalb ihrer Genrekonventionen verhaftet, aber stellen sich einer zunehmend psychologisch geprägten Umwelt. Der kleine Stolperstein beim Übergang von einem klassischen Endzeitthriller in ein existenzielleren, vom nackten Überleben seiner Figuren geprägten Horrorfilm fungiert somit als unfreiwillige aber passende Trennungslinie zwischen zwei unter verschiedenen Einflüssen stehenden Filmhälften.

„Hell“ wird kaum zum Genreklassiker avancieren. Aber der Film bleibt eine lobenswerte, deutsche Variation einiger alten, aber stets gern angenommenen Genreklischees und ein beachtliches Kinodebüt eines vielversprechenden Nachwuchsregisseurs. Dass Fehlbaums Erstlingswerk am Fantasy Filmfest 2011 den Publikumspreis gewann, darf als logische Konsequenz und als Beweis angesehen werden, dass alternative, deutsche Filme zu Unrecht ein Nischendasein fristen müssen. Jedes Jahr schafft es eine überschaubare Zahl an Festivalfilmen - wie „Rammbock“ oder „Hell“ - zu größeren (Kino-)Ehren. Und Nachahmungstäter sind in diesem Fall immer gerne gesehen! (Originalkritik für KultHit.de)

7/10

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