Mittwoch, 6. Juli 2011

Kinoreview - EIN TICK ANDERS (Kritik)


KINO: Ein Tick anders
So hätte "Vincent will Meer" sein sollen. Ein unverklärender, warmherziger und durch seine freche Art entwaffnender Film über Menschen und nicht bloß ihre Krankheiten. Wer "Adam" mochte, wird Jasna Fritzi Bauer als junge Eva lieben. 9/10
> T r a i l e r
> Meine ganze Kritik zum Film



Ein Tick anders
Filme über Krankheiten, die den gesellschaftlich tolerierbaren Rahmen sprengen, werden häufig von dem Irrglauben begleitet, der Zuschauer könnte mit der Sichtung alles Wesentliche über die Krankheit lernen. So glaubte das Publikum als Tom Hanks als HIV-kranker Anwalt in “Philadelphia” ein Tabu brach, alles Notwendige über AIDS gelernt zu haben. Ganz nach der Devise „Ich weiß alles darüber, ich hab diesen einen Film gesehen!“ Ähnlich verhielt es sich mit “Rain Man” in dem Dustin Hoffman als stark autistischer, älterer Bruder von Tom Cruise agierte. „Vincent will Meer“ hatte womöglich einen ähnlichen Effekt auf die - zumindest deutsche - Wahrnehmung des Tourette-Syndroms, eine neurologische Krankheit, die mit ihren auch in Fachkreisen „Ticks“ genannten Symptomen sich offensichtlich geradezu für Komödien empfiehlt und erst auf den zweiten Blick das Leiden hinter den verbalen Entgleisungen erkennen lässt. Und genau dieser zweite Blick lässt das Tourette-Syndrom in „Ein Tick anders“ in einem längst überfälligen Licht erscheinen. Ein Licht, das Florian David Fitz mit seinem Vincent schmerzlich vermissen ließ.

„Ein Tick anders“ lässt sich auf zwei Arten sehen. Der Film funktioniert als leichte Komödie mit und über die Krankheit. Dabei begleitet man die junge Eva bei ihren alltäglichen Tourette-Strapazen, die durch die Kameralinse auf ihre verschrobenen und amüsanten Aspekte runtergebrochen werden. Ähnlich wie „Vincent will Meer“ funktioniert der Film auf diese Weise ohne Beanstandung. Der Zuschauer lacht über die gesellschaftlichen Tabubrüche, die die Krankheit mit sich bringt und findet sich in der Protagonistin wieder. Auf diese Weise entwickelte sich „Vincent will Meer“ zu einer recht belanglosen Angelegenheit, die die behandelten Krankheiten zu einem reinen Mittel zum Zweck verkommen ließen. „Ein Tick anders“ hätte sich damit ebenfalls begnügen können, schließlich gewann Florian David Fitz mit seinem Road-Movie so gut wie jeden namhaften deutschen Filmpreis - für reine Unterhaltung unter dem Deckmantel einer pädagogisch gehaltvollen Thematik. Doch Andi Rogenhagen - Regisseur und Autor von „Ein Tick anders“ - bewies mehr Einfühlungsvermögen und Mut. So entwickelt sich sein Film zusehends zu einem Kampf gegen die Krankheit. Rogenhagen unterzieht seine Protagonistin Eva einer Belastungsprobe, zwingt sie in die Illegalität und lässt sie unter dem Druck der Krankheit zusammenbrechen. Letztendlich, hinter dem trügerischen Happyend, offenbart sich die wahre Niederlage Evas gegen ihr Tourette und der Kniefall vor den ständigen, sozialen Ängsten. Doch auch wenn man schlussendlich nicht aus der eigenen Haut flüchten kann, kann man Zufriedenheit und Glück erlangen, was der Film mit der letzten Szene dem Zuschauer zu verstehen gibt. Eine bittersüße und versöhnliche Ironie.

Das macht aus dem wunderbar warmherzigen und durch seine freche Art entwaffnender Film zugleich eine ernüchternd-realistische Krankheitsdarstellung und wirkt auf diese Weise wie ein Seelenverwandter von "Adam" - einen Film über einen Halbautisten. Beide Filme besitzen im Kern die selbe unverblümte Sichtweise. Zudem eine sehr realistische, wohltuend ehrliche Prämisse. Es ist fast zu bedauern, dass „Ein Tick anders“ nicht den Namen seiner Protagonistin trägt. Denn als „Eva“ könnten die beiden Filme endgültig eine inoffizielle Partnerschaft eingehen, als neurologisch-psychologisches Adam und Eva-Gespann der verständnisvollen aber nicht verklärenden Art. Oder schlicht „Jasna“, denn die junge Hauptdarstellerin Jasna Fritzi Bauer trägt nicht nur den Film, sondern die Bürde des Tourette-Syndroms mit einer wundervollen beschwingten Schwermut, die so manchen gestandenen Schauspielkollegen neidisch werden lässt. (Originalkritik für KultHit.de)

9/10

Kommentare:

  1. Es heißt nicht Ticks, es heißt Tics. Auch bzw. gerade in Fachkreisen! Etwas weniger überheblich einsteigen und etwas weniger lobhudeln, dafür etwas mehr Information darüber worüber man schreibt und schon käme kein solcher Unsinn bei rüber. Dieser Film hat mit der Tic und Tourette Realität von vielen Tausend Kindern und Erwachsenen nichts zu tun. Er verbreitet nur die Legende das alle Touretter fluchen. Was für ein Schwachsinn!

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  2. Danke für die Richtigstellung. Aber muss ich wirklich darauf verweisen, dass ich über den Film und nicht die Krankheit schrieb? Ein Tick anders ist Mainstream, Unterhaltung, keine Dokumentation. Fährt im selben Fahrwasser wie Vincent will meer, aber lässt im Vergleich für uns Laien auch Verständnis aufkommen. Filme reduzieren, filtern, nicht umsonst verwies ich auf Filme wie Rain man oder Philadelphia. Autisten und HIV-Kranke fühlen sich von diesen Filmen ebenso missverstanden wie Tourettepatienten anscheinend von Ein Tick anders. Aber trotz der Krankheitklischees die verwendet werden, eröffnet der Film ein Fenster in diese Welt innerhalb der Möglichkeiten des Films.
    Schade wegen der anonymen Maskerade, eine konstruktive Diskussion wäre gerade bei dem Thema sehr wünschenswert, somit bleibt es eben beim vielsagenden "Schwachsinn".

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