Freitag, 3. Juni 2011

Kinoreview - SOURCE CODE (Kritik)


KINO: Source Code
Überraschend oberflächlicher, linearer und Paradoxa-armer Zeitreisethriller. Dafür mit immenser Suspense- und Romantikkurve: Alfred Hitchcock trifft auf Audrey Niffenegger. 7/10
> T r a i l e r
> Meine ganze Kritik zum Film

Source Code
Es erstaunt, dass „Source Code“ in allen Längen und Breitengraden mit Jubel und Begeisterung aufgenommen wird, denn die Voraussetzungen richteten sich eigentlich gegen den Film. Schließlich ist er das Zweitlingswerk des Regietalents Duncan Jones, der sich seit seinem beeindruckenden Filmdebüt „Moon“ endgültig von der väterlichen Brust - David Bowie - lösen konnte. Mit einer solchen Erwartungshaltung tut sich ein Nachfolgeprojekt natürlich weitaus schwerer als ein unvorbelastetes Debüt. Jones blieb mit „Source Code“ seinem Lieblingsgenre treu und versuchte diesmal dem Subgenre des Zeitreisefilms mit einer Hitchcock-artigen Herangehensweise neue Seiten abzuringen. Kein leichtes Unterfangen, da es ein oft und ausgiebig beackertes Feld darstellt: „Twelve Monkeys“, „Die Zeitmaschine“, „Und täglich grüßt das Murmeltier“, „Zurück in die Zukunft“, „Das Mädchen, das durch die Zeit sprang“, „Terminator“, „Dr. Who“, „Zurück in die Vergangenheit“, alles exzellente Filme, die ihren Beitrag leisteten.

Was Duncan Jones mit „Source Code“ gelang, ist auf den ersten Blick mit „Moon“ vergleichbar. Dieser verband die nachdenklichen Gesellschaftskritiken eines Philip K. Dicks mit den kalten, klaustrophobischen Bildern eines Stanley Kubricks. Die Isolation und Hilflosigkeit, denen die Hauptfigur ausgesetzt ist, wird von Beginn an auch für den Zuschauer spürbar. Einen ähnlichen Weg beschritt der Filmemacher mit seinem Zeitreisethriller, der sich der klassischen Ausgangslage des wiederkehrenden Erlebnisses, einem nicht Enden wollenden Teufelskreislauf, bedient und mit den Grundzügen eines typischen Alfred Hitchcock-Thrillers und seiner altbewährten Suspense-Regel von der tickenden Bombe unter dem Familientisch verbindet. Beides gipfelt in der Verzweiflung und den anarchistischen Impulsen des Protagonisten und in der alten Grundsatzfrage, ob der Zweck die Mittel heiligt. Die allgegenwärtige, tickende Zeitbombe und ihre unmittelbare Destruktivität hält die Spannungskurve auf einem Spitzenniveau. Auch die subtil eingeflochtene Liebesgeschichte zwischen der wie immer betörenden Michelle Monaghan und Jake Gyllenhaal trägt ihren Teil dazu bei. Das Drücken des emotionalen Resetbuttons der Beiden verleiht der rastlosen Hatz Glaubwürdigkeit und zumindest eine innere Ruhe. Vergleiche zu Audrey Niffeneggers komplexen und wahrlich zeitlosen Liebesepos „Die Frau des Zeitreisenden“ drängen sich auf, aber kratzen bestenfalls an dessen Oberfläche.

Der Makel von "Source Code" liegt in seiner völligen Linearität. Die Komplexität und auftretenden Zeitparadoxa, die man von Zeitreisegeschichten eigentlich erwarten würde, fehlen hier völlig. Seine Einfachheit verstärkt zwar die Spannungskurve und intensiviert die eigentliche Handlung, aber im letzten Drittel klafft dadurch ein Loch, das selbst Duncan Jones nicht mehr zu füllen vermochte. Die Nebenhandlung um die Herkunft und das Schicksal des leibhaftigen Colter Stevens ist zwar gekonnt eingefügt, aber täuscht nicht darüber hinweg, dass man als Zuschauer dem Film ständig um eine Nasenlänge voraus ist und von der Schlichtheit seiner letztendlichen Auflösung Ernüchterung erfährt. Vielleicht erkannte der Regisseur dieses Defizit und beendet darum seinen Film mit den beiden Liebenden im Kamerafokus und der Frage, nach der subjektiven Wahrnehmung von Raum, Zeit, Leben und Tod, die dem destruktiven, adrenalinhaltigen Thriller am Ende eine romantische, lebensbejahende Ironie verleiht. Ein nicht unbedingt harmonischer Abschluss, aber zumindest ein wirkungsvoller Kontrast zum restlichen Film, der trotz aller Hoffnung Tod und Anarchie predigte. (Originalkritik für KultHit.de)

7/10

1 Kommentar:

  1. "...linearer und Paradoxa-armer Zeitreisethriller..."

    Offensichtlich gab es im Film keine Zeitreisen, es waren Paralleluniversen die pro Sprung erzeugt wurden, daher war ja auch die Rede davon, dass es nicht die selben Personen waren, in den anderen Realitäten, sondern nur ähnliche.

    Am Ende des Film entsteht eine Art endlos Rekursion bei der in allen Paralleluniversen jeweils nochmal Paralleluniversen erzeugt werden, bei jedem erneuten Sprung, also eine Art endlose Exponentialfunktion.

    Hier sind viele Klischees über Quantenmechanik verarbeitet worden, dennoch war der Film spannend.

    AntwortenLöschen

Related Posts with Thumbnails

Ältere Beiträge, die dich interessieren könnten: