Donnerstag, 16. Juni 2011

Kinoreview - ARRIETTY (Kritik)


KINO: Arrietty (Die wundersame Welt der Borger)
Ganz anders als erwartet und wohl einer der Traurigsten Ghiblifilme überhaupt - wenn man hinter das trügerische Happyend blickt. 8/10
> T r a i l e r
> Meine ganze Kritik zum Film



Arrietty
Animefans haben zur Zeit gut lachen. Nach dem Hayao Miyazakis letzter Film „Ponyo“ bei uns mit über einem Jahr Verspätung startete und auch „Summer Wars“ erst mit beträchtlicher Verzögerung seinen Weg nach Deutschland fand, durften sich alle Freunde der japanischen Animationskunst über drei Filme innerhalb eines Jahres freuen. „Arrietty - Die wunderbare Welt der Borger“ ist nun der dritte im Bunde. Ein Film, der im Frühjahr mit dem Japan Academy Award als bester Animationsfilm ausgezeichnet wurde und in derselben Kategorie auch bei den Tokyo Anime Awards gewann. In Deutschland wurde “Arrietty“ am Nippon Connection Festival ausgezeichnet. Selbst der zurückhaltendste Animefans bekommt in Angesicht einer solchen Ruhmesliste glänzende Augen voller Erwartungstränen.

Und doch, trotz aller Vorschusslorbeeren, entpuppte sich die kleine „Arrietty“ als völlig anders als erwartet. Selbst Kenner der Vorlage von Mary Norton dürften von der ruhigen Inszenierung, der fast lethargischen Handlung und der dichten Atmosphäre überrascht werden. Der Film wird nicht von einer eigentlichen Handlung, sondern von den Stimmungen und Gefühlen der Charaktere vorangetrieben. Ein gewöhnungsbedürftiger Zustand, der aber einem im Laufe des Films zusehends in den Bann zieht. Die Hintergründe, die Animationen und der mittelalterlich anmutende Soundtrack von der französischen Folksängerin Cécile Corbel sind erwartungsgemäß ein Traum in satten Farben und Tönen und doch muss „Arrietty“ als einer der wohl traurigsten Ghiblifilme überhaupt bezeichnet werden - zumindest wenn man hinter das trügerische Happyend blickt. Der Film scheint zwar mit seiner Fahrt in den Sonnenuntergang den Zuschauer mit einem Lächeln entlassen zu wollen, doch lohnt sich eine genauere Betrachtung. Das Hauptthema von „Arrietty“ ist die Sterblichkeit. Der Tod in all seine Fassetten wird hinterfragt, was durch die Handlungsarmut zusätzlich in den Mittelpunkt gerückt wird. Es existiert zudem kein wirklicher Bösewicht. Zwar gibt es mit der Haushälterin eine Kraft, die dem Geheimnis der Borger auf die Spur kommen möchte, aber ohne heimtückische Hintergedanken. Stattdessen entsteht der eigentliche Konflikt aus dem Handeln von Arrietty selbst - und den Existenzängsten, die die Borger seit jeher verfolgen. Das Ende des Films mag mit einem Lächeln von Arrietty abschließen, aber dürfte ihr und dem Zuschauer die doppelte und dreifach Ironie nach der Abblende erst noch bewusst werden und damit die wahre Tragödie. Ohne den hochdramatischen Subplot würde sich „Arrietty“ gut ins Schema von kindlichen Filmen wie „Mein Nachbar Totoro“ oder „Ponyo“ einfügen, doch die existenziellen Untertöne und die in sich versunkene, spannungsarme Inszenierung könnten die ganz kleinen Zuschauer überfordern.

Man merkt dem unausbalancierten Film an, dass ein noch relativ junger, unerfahrener Regisseur am Werk war. Doch Hiromasa Yonebayashi Talent ist nicht zu leugnen. Ihm fehlt es nicht an Leidenschaft oder Können, sondern schlicht an Erfahrung. Ein Manko, das die Zeit von selbst lösen wird. Tatsächlich darf man von Hiromasa Yonebayashi unter Miyazakis Anleitung noch Großes erwarten. Sollte der Vater der Ghibli Studios seinen angekündigten Ruhestand jemals dauerhaft antreten, dürften die Ghibli-Anhänger der Zukunft des Studios - trotz weinendem Auge - mit Vorfreude entgegenblicken. (Originalkritik für KultHit.de)

8/10

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