Donnerstag, 26. Mai 2011

Kinoreview - HANNA (Kritik)


KINO: Hanna (Wer ist Hanna?)
Joe Wright ist kein runder, noch sehr harmonischer Film gelungen, sondern ein Versatzstück aus altmodischem Actionfilm, modernem Märchen und einem Mädchen, das dem bösen Wolf die Oma mit einem Messerstich aus dem Bauch reißt. 7/10
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Hanna
(Wer ist Hanna?)
Regisseur Joe Wright liebt die Abwechslung. Er begann einst mit einer souveränen aber verhältnismäßig konventionellen Buchverfilmung des Jane Austen Klassikers „Stolz & Vorurteil“, die mit ihrer Besetzung glänzte, das Können des Regisseurs aber nur sehr subtil repräsentierte. Anschließend folgte „Abbitte“, ein Film der dagegen wie ein Lauffeuer den Namen Joe Wright in alle Himmelsrichtungen schrie. Hier bewies der Filmemacher, dass er nicht bloß Schauspieler führen konnte, sondern es auch verstand, komplexe Handlungsstrukturen in eine verständliche und poetische Bildsprache umzuwandeln. Mit „Der Solist“ verließ er dann endgültig die konventionellen Genrepfade und lieferte ein schwer erfassbares Künstler/Außenseiter/Autistendrama ab und zeigte endgültig, dass er zwar die klassische Hollywoodschule genoss, aber insgeheim sich abseits der Wege wesentlich wohler fühlt.

Diesen Eindruck vermittelt Joe Wright auch mit seinem jüngsten Filmkind, der nach außen hin zarten und unschuldigen Hanna - einer etwas unbeholfenen Mischung aus einem rüden Agentenfilm nach alter Schule mit starken Bourne-Anleihen und einer einfühlsamen Coming-of-Age-Geschichte. Und so, wie in Hanna zwei gegensätzliche Seiten ihrer selbst toben - ihre konditionierte Killer- und ihre heranwachsende Mädchenseite - entwickelt sich auch eine vergleichbare Hin- und Her-Dynamik zwischen den Agentenelementen und dem emotionalen Selbstfindungs- und Reifungsprozess. Joe Wrights poetische und intime Handschrift ist dabei in beiden Elementen allgegenwärtig, was jedoch die Härte aus dem Film nimmt und sich besonders mit den klassischen, fast altmodischen Actionszenen beißt. Generell gibt es weit weniger Actionszenen, als es der Trailer suggeriert, was aber mehr Raum für die Schauspieler lässt, insbesondere zu Gunsten von Saoirse Ronan und Jessica Barden - die genauso wunderbar wie verzogen in „Immer Drama um Tamara“ zu sehen war - ausfiel. Die beiden Mädchen schufen dadurch abseits der eigentlichen Agentenhandlung einige der schönsten Szenen des Films.

Ein immenser Kontrast dazu bildet das akustische Experiment der Chemical Brothers. Der Score der beiden Electrokünstler gibt sich weder altmodisch noch subtil noch einfühlsam, sondern schmettert die bewährten Beats aus den Lautsprechern. Es scheint wie eine Hassliebe zwischen Soundtrack und Film zu entstehen: An manchen stellen knechtet der Score die Bilder praktisch nieder, nur um einen Augenblick später wieder in völliger Harmonie mit den Charakteren zu agieren. Die Chemical Brothers dachten sich zweifelsfrei, was Daft Punk („Tron Legacy“), Massive Attack („Danny the Dog“) oder Sigur Rós („Ondine“) können, würden sie erst recht beherrschen. In dieser Hinsicht passt die Handschrift der beiden Musiker wie die Faust auf Hannas zarte Augen.

„Wer ist Hanna?“ ist ein Film, den man erst etwas setzen lassen sollte, trotz oder wegen seines ungeschliffenen und unausgewogenen Zustandes. Joe Wright ist kein runder, noch sehr harmonischer Film gelungen, sondern ein Versatzstück aus altmodischem Actionfilm, modernem Märchen und einem Mädchen, das dem bösen Wolf die Oma mit einem Messerstich aus dem Bauch reißt. Dass der Film nicht vollends zündet, liegt vielleicht auch am Fehlen einer finalen Erfüllung. Der Drang, alles zum Guten wenden zu wollen, ist ein trauriges Hollywoodklischee und gerade Wright hat mit „Abbitte“ gezeigt, dass herausragende Werke von pessimistischer Ironie aufgewertet werden können. Doch manchmal sind Klischees nötig, um besonders in Märchen die Heldin und ihr Gefolge nicht gebrochen zurück zu lassen - und damit den Zuschauer selbst. (Originalkritik für KultHit.de)

7/10

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