Dienstag, 8. März 2011

Filmkritik - BIUTIFUL

KINO: Biutiful
Ungeschliffen, ungekünstelt und als ergreifende Hymne ans Vatersein verpackt. 8/10
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Biutiful


Mit „Biutiful“ beschritt Regisseur Alejandro González Iñárritu („Amores Perros“, „Babel“) einen Weg, den bereits andere Regisseure wie Pedro Almodóvar oder James Cameron vor ihm gingen. Regisseure, die eine innige Beziehung zu starken Frauencharakteren besitzen und sich mit den eigenen Mutterkomplexen auseinandersetzen. Iñárritu kehrte diesen Ansatz um und erschuf seine eigene, sehr persönliche Familienbewältigung. Eine Hymne an die Beziehung zwischen ihm und seinem Vater, dem er den Film widmete und im Abspann liebevoll „Old Oak“ („Alte Eiche“) nannte.

Nach Filmen wie „Vicky Cristina Barcelona“ oder „L' Auberge Espagnole“ zeigt uns „Biutiful“ die Schattenseiten und Randzonen der katalanischen Hauptstadt: Das soziale Ende der Fahnenstange. Auch in Iñárritus viertem Kinofilm greift der Filmemacher erneut seine Hauptthemen Gewalt, Tod und menschliche Abgründe auf, die den väterlichen Alltag von Uxbal (Javier Bardem) umsäumen. Es ist eine Eigenheit des Regisseurs - man möchte fast sagen „morbides Talent“ - seine Filme mit einer Gesellschaftskritik zu versehen, die alle stilistischen Schranken durchbricht. So auch in „Biutiful“, wo er selbst im hintersten Kellerloch, inmitten einer unfassbaren Tragödie im Stande ist, seinen Szenen eine poetische Eleganz zu verleihen.

Der Tod ist im Film allgegenwärtig. Doch soll nicht die Angst vor dem Jenseits oder gar dem langsamen Dahinsiechen geschürt werden - Ansätze dazu böte er wahrlich genug - sondern „Biutiful“ greift tiefer, in dem er die einzige Angst, die Uxbal kennt, freilegt. Die Angst davor, die eigenen Eltern nicht zu kennen oder schlimmer noch, die Angst vor verblassenden Erinnerungen. Eine Szene ist prägend für den gesamten Film. Als der 40-jährige Uxbal vor dem exhumierten Leichnam seines 20-jährigen Vaters steht. An dieser Stelle offenbart sich die ganze Tragweite des generationsübergreifenden Vater-Konflikts, der durch den schwachen, nur vage geformten Muttercharakter noch verstärkt wird. Er vertauschte die Geschlechterstereotypen und machte aus der Mutter eine Borderline-Persönlichkeit, die mit sich selbst überfordert ist und ihre Kinder mitreissen würde, wenn der Vater nicht als Puffer fungieren würde - solange er dazu im Stande ist.

Doch bei allen dargestellten Ängsten und dem Elend, gibt sich der Film auch versöhnlich. Die Existenz eines Jenseits ist keine Frage, sondern eine Gewissheit. Der Tod ist bloß ein weiterer Schritt im Zyklus der eigenen Existenz. Und obwohl Javier Bardems Figur weiß, dass der Tod eine Tür ins nächste Leben darstellt, stemmt er sich mit aller Kraft gegen die eigene Sterblichkeit. Seine Unfähigkeit, seinen Kindern von seiner Erkrankung zu erzählen, besiegelt sein Schicksal und das derer, die ihm nahe stehen. Nur dank einer beinahe göttlichen Fügung wird eine Kette von Ereignissen losgetreten, die eine Familientragödie noch abwenden könnte.

Den Zuschauer erwartet mit diesem filmgewordenen, phonetischen Rechtschreibfehler ein überraschend geradliniges Werk. Lediglich Anfang und Schluss sprengen die Chronologie auf gleich mehreren Ebenen, was „Biutiful“ nicht nur zu einer Einheit verschmilzt, sondern ihn zu einem versöhnlichen, unsentimentalen aber doch gefühlvollen Abschluss führt. Iñárritu hätte mit einem entsprechenden Ende den ganzen Film mit Leichtigkeit in ein ein tiefen Abgrund werfen und dem Zuschauer einen Schlag versetzen können, von dem er sich nicht so schnell erholt hätte. Stattdessen lässt er das Universum sprechen, so wie es kurz im Film vorweggenommen wurde: Das Leben findet seinen Weg, ob mit oder ohne uns. Doch selten sah man diese simple Botschaft so ungeschliffen, ungekünstelt und als ergreifende Hymne ans Vatersein verpackt. (Originalkritik von KultHit.de)

8/10

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