Mittwoch, 10. November 2010

Filme - DER LETZTE SCHÖNE HERBSTTAG

KINO: Der letzte schöne Herbsttag
Ein kleiner Film, voll entwaffnendem Charme, feinsinnigen Dialogen und hintergründigen Humor. Für Fans von "Harry und Sally" und "Adam"  9/10
Kinostart: 11.11.2010
> T r a i l e r
> Meine ganze Kritik zum Film

Der letzte schöne Herbsttag


Es gibt Filme, die verpacken die älteste Geschichte der Welt - Junge trifft Mädchen, Junge verliebt sich in Mädchen - in einem ironischen Gewand, das seinen romantischen Reiz aus dem sarkastischen, manchmal sogar bitter-bösen Geschlechterkrieg bezieht. Filmklassiker wie „Leoparden küsst man nicht“, „Harry und Sally“ oder der wundervolle „Liebe mich wenn du dich traust“ aus Frankreich verwendeten dieses Stilmittel und begeisterten sowohl Romantiker als auch Zyniker.

„Shoppen“-Regisseur Ralf Westhoff ging mit „Der letzte schöne Herbsttag“ genau diesen Weg und erzählt die Geschichte von Claire und Leo. Im Grunde sind die beiden glücklich, doch zahlreiche Missverständnisse und Schwierigkeiten stellen die Beziehung regelmäßig auf eine harte Probe. Claire hat insbesondere das Gefühl, dass Leo oft nicht richtig bei ihr ist und sie vergisst, sobald er alleine unterwegs ist. Leo hingegen ist überfordert und weiß oftmals nicht, wie er mit seiner Freundin Claire umgehen soll. Ähnlich wie in „Harry und Sally“ ist „Der letzte schöne Herbsttag“ fragmentarisch aufgebaut und springt zwar chronologisch, aber recht sprunghaft durch die Beziehung. Verbunden werden die Episoden durch Monologe von Leo und Claire, die sie direkt an den Zuschauer richten. So wird das Publikum in der Rolle des Therapeuten direkt in den Film miteinbezogen. Ein Kniff, der die Parallelen zu „Harry und Sally“ unterstreicht.

Als Zuschauer entdeckt man in den beiden Charakteren Prototypen des durchschnittlichen ThirtySomething-Nerds, mit all seinen Neurosen und Eigenheiten. Ehe man sich versieht, verfällt man den beiden Chaoten. Einerseits dem introvertierten, leicht unbeholfenen Leo. Andererseits der zuckersüßen, stets leicht weinerlichen Claire. So oder so, die beiden Schauspieler Felix Hellmann und Julia Koschitz spielen sich direkt ins Herz des Zuschauers.
Wenn man die Zeichen richtig deutet, erkennt man in der Darstellung von Leo eindeutige Charakteristika des Asperger Syndroms, womit die ohnehin schon komplizierte Beziehung zusätzlich auf eine neue Stufe gehoben wird. Denn durch Leo als ahnungsloser Halbautist, mit all den damit verknüpften sozialen Unvollkommenheiten und Blockaden, verwandelt sich der Film zu einem Appell, für den Kampf um zum Scheitern verurteilte Beziehungen. Für eine empathische Frau ist es ohnehin nicht leicht, einem introvertierten Sonderling wie Leo, der in seiner eigenen Welt lebt und der sich seinen sozialen und beziehungstechnischen Schwächen nicht bewusst ist, nahe zu kommen. Aber der Film versteift sich glücklicherweise nicht bloß auf die Unzulänglichkeiten von Leo, sondern zeigt auch, dass es so etwas wie „normal“ nicht gibt. Claire als kleiner, liebesbedürftiger Hypochonder stellt eine fast ebenbürtige Beziehungszerreißprobe dar, wie ihr männlicher Gegenpart. Und so selbstverständlich manche Aspekte einer Beziehung in normalen Leben erscheinen, werden diese im Film als die entscheidenden Hürden dargestellt. Offenheit, Romantik, Aufmerksamkeit. Selbstverständlichkeiten, die für manche zum Kraftakt mutieren.

Westhoff ist ein kleiner Film gelungen, voll entwaffnendem Charme, feinsinnigen Dialogen und hintergründigen Humor, der eine bestechende Beobachtungsgabe für gewisse menschliche und psychologische Eigenheiten an den Tag legt. „Der letzte schöne Herbsttag“ ist eine gelungene Vermischung aus Elementen, die bereits „Harry und Sally“ und das etwas andere Beziehungsdrama „Adam“ auszeichneten.

9/10

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