Freitag, 19. November 2010

Deadwood: Amerikas dreckig-obszöne Geburtsstunde

Mit nostalgischer Glorifizierung der amerikanischen Pionierzeit oder Heldenmythen, wie sie von John Wayne verkörpert wurden, hat Deadwood herzlich wenig gemein. Nur die Flüche sind noch dreckiger als die Straßen und Charaktere dieser Stadt.



Mit Deadwood betrat 2004 eine Westernserie die Fernsehbühne, die durch ihre brutale, obszöne und in allen Belangen sittenwidrige Art auffiel, aber gleichzeitig mit gängigen Westernklischees brach. Stilisierte Shootouts, Indianer auf Kriegspfad oder Banküberfälle suchen wir in Deadwood vergebens. Stattdessen setzt die Serie auf Intrigen, raffinierte Dialoge und den psychologischen Schlagabtausch ihrer Charaktere. Deadwood gilt auch heute noch zu recht als eine der besten Serien des Bezahlsenders HBO. Wer den Fernsehsender kennt, der weiß, dass das einer Heiligsprechung gleich kommt.

Welcome to fuckin Deadwood! “I want to know who cut the fucking cheese?”

1865 – Deadwood, eine illegalen Goldgräber-Siedlung mitten im Indianerterritorium der Black Hills. Wer hier ankommt, besitzt nichts außer großen Träumen oder befindet sich auf der Flucht vor dem Gesetz oder vor sich selbst. Der ehemalige Sheriff Seth Bullock (Timothy Olyphant) kommt mit seinem Freund Sol Star (John Hawkes) nach Deadwood, um dort einen Eisenwarenladen zu eröffnen. Dort begegnen sie Wild Bill Hickock (Keith Carradine) und Calamity Jane (Robin Weigert) kennen und treffen auch allerlei zwielichtige Gestalten. Die Ausgangssituation verzweigt sich in eine Vielzahl verschiedener Handlungsstränge, in deren Mittelpunkt neben Bullock auch stets der verschlagene und primitivste englische Gentleman des Westens, Bordellbesitzer und Deadwoods Godfather Al Swearengen (Ian McShane), steht.

Fuckin´ good to know!“How’s that pussy-lotion? Should I try some on my ass?”

Die Serie bricht sowohl mit althergebrachten Serien- als auch mit Westernkonventionen und lässt sich am besten als eine Mischung aus The Wire und Die Sopranos mit einer Wagenladung Pferdescheiße umschreiben. Deadwood entlarvt Serien wie Bonanza oder Dr. Quinn als weinerliches Kindergartenfernsehen. Die Westernserie verbindet den dreckig-realistischen Ansatz eines Sergio Leone mit den Ansprüchen einer modernen Dramaserie.

Deadwood lebt von seinen Drehbüchern und seinen Schauspielern. Es ist schwer zusagen, ob die Schauspieler aufgrund der herausragenden Qualität der Scripts oder die Scripts erst durch den Realismus und Glaubwürdigkeit der Darsteller zu dem werden, was sie sind. Die Wahrheit liegt vermutlich irgendwo dazwischen. Auch wenn es ein Unrecht ist, einen Schauspieler aus der Masse überwältigender Darstellungen zu bevorzugen, muss doch der Name Ian McShane genannt werden. Der von ihm gespielte Al Swearengen (sein Name ist Programm) ist das Herz, die Seele und der Arsch samt drin steckender Stiefel von Deadwood. Der charismatischere Bruder im Geiste von Tony Soprano und die abgründige Symbiose aus Kinder fressendem Monster und im zerlumpten Teddybär.

In Deadwood vermischen sich jegliche Moral, Sitte und Gerechtigkeitssinn mit dem Urin verwässerten Morast von Deadwoods Straßen und werden zu einem einzigen Brei. Schwarz oder weiß, gute oder böse kennt Deadwood nicht. Einzig eine flüchtige Unschuld, die innerhalb der Stadtmauern schneller abgetötet wird als der Bestatter Särge zimmern kann. Jede Figur besitzt ihre inneren Dämonen und gebrochenen Kern und das verleiht der Serie ihre unbändige Kraft.

We ain´t done fuckin´dancin´, fuckin´ Cocksucker!“Don’t forget to kill Tim.”

Frauenfeindlich, realistisch, obszön, ekelerregend, authentisch, abstoßend. Die Kritiker sind sich einig, dass sie sich uneinig sind, was die Härte der gezeigten Bilder und verwendeten Kraftausdrücke betrifft. Allein in der ersten Folge von Deadwood fällt 55 mal das Wort “Fuck”, alle Folgen zusammen gerechnet kommen auf 2980 berüchtigte F-Worte. Ohne die unzähligen Variationen und Synonyme miteinberechnet, ergibt das 1,56 Flüche pro Minute! Niemand bekommt gerne die eigene Vergangenheit vorgesetzt, in der Prostituierte und Ausländer als minderwertige Gesellschaft zweiter Klasse betrachtet wurden, Sex nichts ästhetisches, geschweige von erotisches an sich hatte und Morde ohne Ehrgefühl und Gerechtigkeitssinn begangen wurden.

From my fuckin´cold, dead hands! “Tread lightly who lives in hope of pussy.”

Ihr Ende ereilte die Serie so schnell wie so manchen Bewohner von Deadwood. Nach der dritten Staffel, nach dem die Einschaltquoten zwar nachließen aber durchaus noch solide waren, wurde die Serie zur Überraschung aller abgesetzt. Unter anderem trugen die beachtlichen Produktionskosten dazu bei. Deadwood war zusammen mit Rom die damals teuerste Serie des Fernsehsenders und wie es schien, gab es nur Platz für eine Dramaserie mit historischen Wurzeln. So entschieden sich die Bosse zu Gunsten der zweiten Staffel des römischen Sandalenepos. Ironischerweise fielen Teile der Rom Kulissen einem Brand zum Opfer, weshalb bis heute auch Rom nur auf zwei Staffeln kam.

Auch wenn Deadwood ein unrühmliches Ende fand, versprachen die Serienmacher mit einer Miniserie den Charakteren einen würdigen Abgang zu verschaffen. Jedoch schien die Leitung von HBO andere Pläne zu haben und ließ die Kulissen vorzeitig abbrechen, was auch der geplanten Miniserie den Todesstoß versetzte.

Als Anhänger der Serie kann ich mir einreden, dass ein abruptes Ende, auf dem Höhepunkt des Erfolges, im Endeffekt das geringere Übel darstellt, als ein schleichender, qualvoller Niedergang, wie er so manch anderer Serie zum Verhängnis wurde. Rückblickend erachte ich das Ende – und damit meine ich die letzte Einstellung – als eine unfreiwillig treffende und charakteristische Auflösung für die Serie. Dem alten Swearengen zuzusehen, wie er in seinem Zimmer die tausendste Blutlache wegschrubbt, steht nicht nur repräsentativ für Al’s Entwicklung, sondern kann als Metapher für die ganze Stadt Deadwood verstanden werden.

Schaut euch den ersten Clip an, wer anschließend nicht von Al Swearengens unbeschreiblichem Charme eingefangen wurde, darf sich wieder den Cartwrights zuwenden.

(Originaltext für Moviepilot verfasst)

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