Freitag, 22. Oktober 2010

Banksy - Kunst, Pulp und Gummipuppen

Kürzlich zog er mit seinem subversiven Simpsons-Vorspann dem US-Fernsehsender Fox die Hosen runter, morgen bringt er seine Dokumentation Exit through the Gift Shop in unseren Kinos. Banksy ist allgegenwärtig und dennoch so unantastbar wie eh und je.


Banksy ist ein Phänomen, dass aus dem Nichts kam und regelmäßig wieder im Nichts verschwindet. Banksy existiert nicht und doch ist er mit seiner Kunst, seinen Tags und seinen Provokationen allgegenwärtig, aktuell mit seiner Dokumentation Banksy – Exit Through the Gift Shop, die die Grenzen zwischen Doku- und Mockumentation neu definiert. In einer Zeit, als Google noch als Kindersprache abgetan wurde und das Internet nur einer Minderheit vorbehalten war, postulierte der Street Artist bereits seinen großen Traum, der Andy Warhols Vermächtnis aufnahm und an den Zeitgeist anpasste: „In der Zukunft wird jeder Mensch fünfzehn Minuten anonym sein dürfen.“

Phantom der Kunstszene VS. Ikone des modernen Zeitgeists
Wer hinter der Identität von Banksy steckt, darüber rätselt die Welt. An Vermutungen fehlt es nicht. Heißt er mit richtigem Namen Robert oder doch Robin Banks? Die britische Daily Mail will in Erfahrung gebracht haben, dass er auf den Namen Robin Gunningham hören soll. Fakt ist, wissen tut es nur Banksy selbst und eine kleine Schar von Auserwählten. Lediglich sein Geburtsjahr- und Ort, 1974 in Bristol, ist zweifelsfrei belegt. Oder auch nicht. Selbst die Eltern des Künstlers sollen noch in dem Glauben leben, ihr Sohn arbeite noch als Innendekorateur.
Früher ließ sich Banksy hin und wieder noch auf Interviews ein. Aber mittlerweile lässt er durch seine Agentur mitteilen, dass er nicht mehr rede und generell als verschwunden gelte. „Ich muss anonym bleiben, um bei meiner Arbeit nicht eingesperrt zu werden.“ kommentierte das Phantom der Kunstszene in einem seiner früheren Interviews seinen ausgeprägter Drang nach Anonymität.

Banksy, der (Kommunikations-)Guerillakämpfer
Seine Aktionen sind legendär und doch sollen einige seiner berühmtesten Aktionen nie offiziell ans Licht der Öffentlichkeit gedrungen sein. Einmal brach er nachts im Londoner Zoo bei den Pinguinen ein. Die verwunderten Zoobesucher sahen am nächsten Tag ein auffälliges Transparent, mit dem die Pinguine lautstark erklärten: „We are bored of eating fish!“
Von einer Aktion im amerikanischen Disneyland existieren nur wenige Fotoaufnahmen. Banksy schmuggelte eine lebengroße, aufblasbare Gummipuppe in den Vergnügungsark, die, mit oranger Kleidung und Handschellen versehen, einem Guantánamo-Häftling täuschend ähnlich sah. Er platzierte die Puppe neben die Achterbahn, an einer Stelle, wo die fahrenden Gäste für ein paar Sekunden den Eindruck bekommen konnten, dass ein Guantánamo-Häftling neben die Gleise gekettet worden ist. Tyler Durden lässt grüßen!
Berühmt wurde Banksy durch seine Schablonen-Graffiti, die er über die ganze Welt verstreute, vornehmlich in Großstädten, die meist auf intelligente und humorvolle Weise alternative Sichtweisen auf politische oder wirtschaftliche Themen boten.
Vor ein paar Jahren begann er seine Museumsdinger zu drehen. Banksy stiehlt nicht, er verleiht! Eine Erkenntnis, die schon so manches Museum machen musste. Im Metropolitan Museum beispielsweise hing das Porträt einer Lady mit Gasmaske, im Louvre dagegen eine Mona Lisa mit Smiley-Gesicht und in der Tate Galerie war plötzlich eine Landschaft mit leichten Modifikationen zu sehen: Eine eingefügte Polizeiabsperrung machte aus der romantischen Szene des 19. Jahrhunderts einen Tatort.
Einer seiner größten Coups gelang dem Provokateur im British Museum. Dort brachte Banksy unbemerkt ein Stück Mauer mit vorgetäuschten Felsmalereien aus der Epoche der Jäger-und Sammler an. Zu sehen ist ein Büffel, der von Speeren getroffen wird, und ein Mensch, der einen Einkaufswagen schiebt. Das bearbeitete Fragment hing acht Tage lang an vorderster Stelle bis es entdeckt wurde. Mittlerweile ist es fester Bestandteil der Dauerausstellung.

Kapitalismus + Outsourcing + Niedriglöhne = Simpsons
Mit seinem alternativen Simpsons-Vorspann gelang Banksy ein kleines Wunder. Er brachte Rupert Murdochs Fernsehmoloch Fox Network dazu, sich von seiner selbstkritischen und selbstironischen Seite zu zeigen. In Anbetracht der Schonungslosigkeit des Vorspanns wahrlich eine Leistung.
Das Wunder wurde mittlerweile jedoch wieder von der Realität eingeholt. Fox ließ 12 Stunden nach Ausstrahlung der besagten Simpsons-Folge den Clip auf Youtube löschen. Es standen, wie soll es auch anders sein, wieder kommerzielle Beweggründe dahinter. Fox verdient an dem viralen Internethype rund um Banksy und den Die Simpsons so gut wie nichts, wenn die User den Clip über Youtube laden. Stattdessen mussten amerikanische Fans auf die Videoplattform Hulu ausweichen, mit der Fox Verträge abgeschlossen hat, die dem Sender ein größeres Stück Kuchen garantiert.

Exit through the Gift Shop
Banksy – Exit Through the Gift Shop kommt heute in die deutschen Kinos und alles in diesem Film dreht sich um die Szene und die Methoden des umstrittenen Guerilla-Künstlers. Banksy, das Phantom, der sein Gesicht immer mit einer Kapuze verhüllt und mit verstellter Stimme redet, serviert uns hier eine als Dokumentarfilm getarnte Satire, die die Grenzen zwischen Fiction und Realität meisterlich verwischt. Der Protagonist dieser cleveren Farce ist ein Franzose namens Thierry Guetta, der ein filmisches Porträt über Banksy und der Subkultur der Street Art drehen möchte. Doch was wie eine hemdsärmlige Reportage beginnt, entpuppt sich bald als doppelbödiges Aufsteigermärchen. Banksy überzeugt Guetta während der “Reportage” davon, selbst als Graffiti-Künstler zu agieren und der Street Artist übernimmt fortan die Regie. Aus einem Film über einen Künstler wird eine Dokumentation über einen Regisseur, der zum Künstler wird.

(Originaltext für Moviepilot verfasst)

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