Dienstag, 20. Juli 2010

Filme - MICMACS

KINO: Micmacs
Jean-Pierre Jeunet meldet sich mit einem filmgewordenen Medley seines Schaffens und einer liebevollen Verbeugung vor "le cinéma" zurück!
> T r a i l e r
> Meine ganze Kritik zum Film

Micmacs
(geschrieben für DVD-Forum.at)

Fünf Jahre mussten verstreichen bis ein Fels des französischen Kinos wieder die Muse packt. Jean-Pierre Jeunet, als Vater von Amelie Poulain geliebt, aber seit den frühen Neunzigern aufgrund seiner neonfarbenen Kontrasten, skurrilen Charakteren, abartigen Ideen und zuckersüßen Details verehrt, findet zu seinen Wurzeln zurück und lässt mit Micmacs sein eigenes cineastisches Schaffen Revue passieren und nutzt die Gunst der Stunde um "le cinéma" selbst seine Aufwartung zu machen.

Mit Micmacs bekommt der Zuschauer einen Jean-Pierre Jeunet Film in Reinform serviert. Es drängt sich einem sogar der Begriff "Best Of Jeunet" auf. Angefangen bei den vielen beherzten Foutaises Zitaten über einige offensichtliche Delicatessen Anleihen bis hin zu den wunderbaren stilisierten (Cartoon-)Realitäten von Amelie. Selbst A Very Long Engagement findet sich in Micmacs in Form von überraschend ernsthaften Antikriegs Motiven wieder (Lord Of War Assoziationen lassen grüßen!). Dass der Regisseur auf viele bekannte Gesichter seiner früheren Filme zurückgriff verstärkt diesen Eindruck zusätzlich.
Der Film ist wie seine Charaktere skurril, überdreht und ungeschliffen. Viele kleine Momente wirken absonderlich und den herkömmlichen (veramerikanisierten) Zuschauererfahrungen zuwider. Aber keine Sorge, der Film ist weder so unnahbar-grotesk wie Delicatessen noch so puderzuckrig-naiv wie Amelie, viel mehr scheint Jeunet eine gesunde Symbiose gefunden zu haben.

Jeder von Jeunets Hauptfiguren ist und bleibt bis in alle Ewigkeit ein Außenseiter und ein Novum. Ihre unorthodoxe Art und Übermaß an Ticks erwecken seine Universen erst richtig zum Leben. Wie langweilig wäre Paris ohne Amelies rosarote Brille? Wie beängstigend wäre die Welt mit all ihren Kriegen ohne Bazils furchtlosen Gerechtigkeitssinn?
Man kann dem Film vorwerfen, dass er sich zu sehr in den Eigenarten seiner Charaktere verliert und außer einer ekstatischer Inszenierung und vielen netten Details herzlich wenig Substanz besäße. Und dem gibt es im Grunde nichts entgegen zu setzen. Außer die Tatsache, dass Micmacs nicht mehr oder weniger anspruchsvoll oder -los ist als Jeunets anderen Werke, nur macht er mit seinem neusten Film und dessen Geradlinigkeit keinen Hehl mehr daraus.

Die ersten zehn Minuten sind ein filmischer Augenschmaus mit all ihren liebevollen Filmzitaten und cineastischen Ehrerbietungen. Allein, dass knapp die Hälfte des Films mit Max Steiners Filmmusik aus The Big Sleep vertont wurde lassen jedem Filmliebhaber die Knie weich werden. Jeunet der Filmfreak ist also endlich zurückgekehrt und verspielter denn je. Eine Blöße gibt sich der Film lediglich am Ende, wenn die aufgesetzte und wenig überraschende Auflösung dem Zuschauer wie ein zu viraler Fremdkörper im ansonsten angenehm altmodischen Film entgegen schlägt. Jeunets übersprudelnde Fremdartigkeit bekommt hier unnötigerweise einen erzählerisch konventionellen Dämpfer verpasst.

Es gibt einen einfachen Zweipunktetest um herauszufinden, ob man für die Micmacs bereit ist.
1. Man erinnere sich an Amelie zurück. Brannten sich die Farben des Films unangenehm in die Augen und zerrte seine kindlich-naive Art an den Nerven?
2. Man google geschwind nach Jeunets Kurzfilm "Foutaises" und schaue sich diesen sieben minütigen, in schwarz-weiß gehaltenen Film an. War es sehr schlimm?

Wenn beide Fragen mit ja beantwortet wurden, dann darf man sich den Kinoeintritt getrost sparen. Allen anderen sei gesagt: Willkommen in der wunderbaren Welt des Jean-Pierre Jeunet!


8/10

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