Montag, 31. Mai 2010

Filme: GENTLEMEN BRONCOS

KINO: Gentlemen Broncos
Irgendwo zwischen den Absurditäten eines Wes Anderson und der Farrelly Brüdern angesiedelt, bieten Jared und Jerusha Hess eine Überdosis Augen zwinkernder Retro-SciFi Trash vermischt mit einer kruden aber liebevollen Familiengeschichte und der ultimativen Frage nach dem "Be or not to be" eines Schriftstellers.
> T r a i l e r
> Meine ganze Kritik zum Film



Gentlemen Broncos

Es gibt Auftragsregisseure, die ohne besondere Handschrift aber mit solidem Handwerk ihre Brötchen verdienen. Und es gibt gewisse Sonderlinge, deren Stil über allem anderen steht. Die zwar keine großen Filme machen, aber zumindest große Ambitionen mit schrägen Ideen verbinden. Das Ehepaar Jared und Jerusha Hess (Napoleon Dynamite, Nacho Libre) gehören zu diesen Sonderlingen. Ähnlich wie die Coen Brüder (A Serious Man, The Big Lebowski), teilen sich diese auf dem Papier die beiden Kernaspekte ihrer Filmproduktionen, Regie und Drehbuch, aber tatsächlich schreiben und inszenieren sie ihre Filme zusammen. Und ähnlich wie die Coens passen sie mit ihrem ungeschliffenen Stil, der irgendwo zwischen den Absurditäten eines Wes Anderson und der Farrelly Brüdern angesiedelt ist, in keine vorgegebene Form.
Mit ihrem Kinodebüt Napoleon Dynamite, einer eigenwilligen Indie-Komödie, konnten sie sehr erfolgreich ihre Stil etablieren und diverse Festivalpreise für sich verbuchen. Ihr zweites Projekt Nacho Libre wurde weit weniger euphorisch aufgenommen, was aber ihrer Art Filme zu drehen keinen Abbruch tat. Mit Gentlemen Broncos folgt nun ihr dritter Streich.

Eigentlich müsste man glauben, dass Gentlemen Broncos für jeden Zuschauer etwas zu bieten hätte. Es gibt zum einen den Kern des Films, die Geschichte rund um Benjamin und seine Mutter die trotz aller karikativer Zeichnung echt und glaubwürdig wirken. Die soziale Situation der beiden sowie Benjamins literarische Odyssee als aufstrebender Schriftsteller würden bereits einen ganzen Film ausfüllen. Stattdessen stellen sich die Filmemacher aber noch eine andere Frage: was wäre, wenn Benjamins Manuskript von einem legendären aber ausgebrannten Sci-Fi Autoren kopiert werden, sich dessen Plagiat als Bestseller entpuppen würde und Benjamins Autorenkarriere beendet wäre bevor sie überhaupt angefangen hätte?
Und hier beginnt der Film interessant zu werden. Benjamins Vorstellungen bezüglich seines eigenen Skripts manifestieren sich für den Zuschauer zu einer eigenständigen Nebenhandlung, die sich über den ganzen Film verteilt. Um diesen erzählerischen Trick auf die Spitze zu treiben, darf das raubkopierte Plagiat nicht fehlen und wird der eigentlichen Version gegenüber gestellt. Das Ergebnis ist eine wahnwitzige und absurde Persiflage quer durch alle Retro-Science-Fiction Kulturen. Aufmerksame Zuschauer entdecken Anleihen an Trashklassiker wie Barbarella, Krull oder natürlich Perry Rhodan. Und genau während diesen kurzen Episoden trennt sich innerhalb des Publikums die Spreu vom Weizen, denn was bei den einen euphorisches Gelächter und Verzücken hervorruft, strapaziert bei weniger experimentierfreudigen Filmfreunden die Nerven bis zum Äußersten.
Um den Film endgültig aus dem sprichwörtliche Orbit zu schießen, erdachten sich die Hess' zusätzlich eine schräge kleine Nebenhandlung in der Benjamins Geschichte von zwei seinen Freunden als Low Budget Produktion verfilmt wird. Spätestens hier verfällt der geneigte Zuschauer vor Wonne in Ekstase oder wünscht sich die steinharten Popkornskulpturen von Benjamins Mutter herbei um dem Wahnsinn endlich ein Ende zu bereiten.
Ein interessantes Detail des Films ist seine unbekümmerte Art verschiedene Einflüsse der letzten Jahrzehnte fliessend zu vermischen. Die Geschichte spielt im Jahr 2009, die Charaktere tragen jedoch Kleider und Frisuren aus den Achtzigern, der Soundtrack des Films entpuppt sich dazu als eine bunte Zusammenstellung aus allen Dekaden aber mit klarem 70er Jahre Schwerpunkt und die parodierten Sci-Fi Elemente hatten ihre Ursprungszeit in den 60ern und dauern bis heute an.

Gentlemen Broncos ist überdreht, unfreiwillig komisch, grotesk und um das Kind beim Namen zu nennen, bescheuert. Aber gleichzeitig auch äußerst liebevoll, Detail besessen, parodiert gekonnt das Retro-Sci-Fi Genre und bietet schlicht frische ungeschliffene Ideen anstatt den üblichen Filmklischees zu verfallen. Es ist ein Film, dessen Zielgruppe wohl mit der Lupe zu suchen ist. Aber seien wir mal ehrlich, hat nicht jeder von uns irgendwann mal das eine oder andere Star Wars Billigplagiat geliebt und heimlich ein selbst geschriebenes Manuskript in der Schublade liegen?


7/10

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