Dienstag, 27. Oktober 2009

Kleines Päpstin Special


Einige Gedanken zum Buch und Erwartungen zum Film:
So interessant Cross (die Autorin) es auch verstanden hat, die damaligen Zustände, das Weltbild und den religiösen Fanatismus zu beschreiben, so flach und einfältig erscheint das Buch auf zwischenmenschlicher und erzählerischer Seite. Gerade die letzten 100 Seiten bieten nichts neues und drehen sich nur im Kreis. Die Abschnitte von Johannas Kindheit dagegen wussten durch ihre lebendigen Schilderungen zu fesseln.
Ich hoffte dass Wortmann sich dieser Chance bewusst war, denn der Film hätte die Möglichkeit gerade diese Schwachpunkte zu verbessern. Ausserdem liessen sich von den 500 Seiten sicherlich 100-150 ohne Probleme kürzen ohne dass Charaktere oder die Dramaturgie darunter zu leiden hätten.



So weit so gut...nun zum Film:
Erwartungsgemäss gibt sich der Film in sämtlichen Nebenkategorien keine Blösse. Er ist opulent in Szene gesetzt, besticht durch eine sehr realistische Darstellung des Mittelalters, verfügt über einen gefälligen und üppigen Score, schauspielerisch bewegt sich alles auf solidem bis sehr guten Niveau (auf Johanna Wokalek komm ich noch separat zu sprechen, so leicht kommt die mir nicht davon ;) und so weiter und sofort. Also keine Überraschungen.

Wie stehts aber mit den inhaltlichen Aspekten?


Der Film ist sehr bemüht dem Buch so treu wie möglich zu folgen. Dabei wird aber vergessen, dass es es wichtiger wäre dem Zuschauer die Charaktere näher zu bringen anstatt möglichst viele Passagen des Buches in Bilder zu fassen. Die Erzählerstimme des Films war eine Möglichkeit gewisse innere Aspekte des Buchs in den Film zu transportieren. Aber ganz ehrlich gesagt, es war auch die billigste. Es macht unter Berücksichtigung des Endes Sinn, aber nur weil man gesagt bekommt was passiert und wie sich Charaktere fühlen, stellt sich deswegen noch lange keine Verbundenheit beim Zuschauer ein. Da müssten ganz andere Heben in Gang gebracht werden.

Die besten Momente des Films sind meiner Meinung nach jene die sich trauen sich vom Buch zu entfernen. Die Flucht aus dem Kloster oder die im Vergleich zum Buch vorgezogene Wahl zum Papst. Dort wurde versucht das Buch in einen filmischen Kontext zu setzen und eben dort stellte sich bei mir auch Empathie ein.
Generell gefiel mir die letzte halbe Stunde bedeutend besser als die ganzen 2h zuvor. Dort wurde wirklich eine Geschichte erzählt und nicht bloss Ereignisse aneinander gereiht.

Was die Wokalek betrifft....naja. Erstens kann man einen wehleidigen Hundeblick auch überstrapazieren und gerade die gereifte Johanna nahm ich ihr nicht ab. Lag aber auch an der Maske die praktisch nicht vorhanden war. Es existierte optisch als auch spielerisch kein Unterschied zwischen der 18jährigen und der 40jährigen Johanna.
Ganz schlimm empfand ich die Synchronisation. Den Film trifft diesbezüglich keine Schuld, aber es riss mich regelmässig aus der Geschichte. Die Stimmen klangen völlig nasal und unbeteiligt. Von Lippensynchronität fehlte häufig jede Spur.

Unterm Strich wurde aus dem interessanten Buch ein solider Film, aber gerade die stärken des Buches wurden meiner Meinung nach nicht ausgespielt. Von der ungeheuerlichen Ungerechtigkeit die Johanna zeitlebens begleiteten war im Film nur noch wenig zu spüren. Gerade das archaische Weltbild und der religiöse Fanatismus wollte bei mir nicht zünden.

Das Buch bekommt 7/10. Der Film schafft es bei mir auf annehmbare 6/10.

Kleine Randnotiz:
Der Verlag, der die deutschsprachige Buchversion verlegt, ist übrigens bei uns im Hochschulgebäude angesiedelt. Ist mir erst kürzlich bewusst geworden als ich im Fahrstuhl stecken blieb bin und dann unplanmässig in der verschlossenen Zwischenetage des Verlages aussteigen "durfte".

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